Zwölf Stimmen, ein Dom und der ehrliche Versuch einer Landeshauptstadt, sich noch als Kulturstandort zu verstehen: Am Mittwoch, den 12. August, gastiert um 19.30 Uhr das preisgekrönte A-cappella-Ensemble The Octavians im Schweriner Dom St. Marien. Der Eintritt ist frei. Spenden am Ausgang. So weit, so unaufgeregt – und trotzdem ist es die wichtigste Kulturmeldung, die Schwerin in diesem Monat produziert hat.
Die Octavians feiern 20-jähriges Bestehen. Was als Acht-Mann-Projekt ehemaliger Sänger des Knabenchores der Jenaer Philharmonie begann, ist heute ein zwölfköpfiges Ensemble, das international Preise sammelt: Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“, Deutscher Chorwettbewerb, Graz, Leipzig, zuletzt 2025 im finnischen Tampere. Was die Sänger aus Jena, Leipzig, Dresden und drei weiteren Städten mitbringen, ist also internationale Wettbewerbs-Klasse. Was Schwerin beisteuert, ist eine Kirche mit sehr guter Akustik und die Hoffnung, dass jemand zuhört.
Programm mit Tiefgang – und ohne Stadt-Subvention
Das Programm „Horizonte“ deckt einen Bogen ab, der in Schwerin sonst eher von der Stadtplanung beansprucht wird: Samuel Barbers berühmtes „Agnus Dei“, Bachs doppelchöriges „Singet dem Herrn“, Werke von Eric Whitacre, Claudio Monteverdi und – weil A-cappella inzwischen keine Berührungsängste mehr kennt – Billy Joel. Ein Programm, das genau das verspricht, was Schwerin seit Jahren nicht mehr liefern kann: geistliche Tiefe, unterhaltsamen Anspruch und ein Mindestmaß an dem, was man gemeinhin als Horizonterweiterung versteht.
„Wir kommen nach Schwerin, weil der Dom den richtigen Raum für unsere Musik hat. Was wir dort erleben, ist eine Stadt, die sich sehr genau überlegen muss, wo sie noch Kultur stattfinden lässt.“
— Aus dem Programmheft zu „Horizonte“
Seit 2011 haben die Sänger sieben Alben veröffentlicht. Ihr Repertoire reicht von Renaissance und Barock über romantische Chorliteratur bis hin zu Jazz, Pop und – das schöne deutsche Detail – Volks- und Studentenliedern. Letzteres passt zur Hauptstadt eines Landes, in dem das Studentenlied mehrheitsfähig ist und die Volksmusikparade im Fernsehen Quotenhits produziert. Was die Octavians daraus machen, ist am Ende A-cappella auf Weltniveau. Was Schwerin daraus macht, steht in den Sternen – oder genauer: auf den Plakaten, die vermutlich wieder nur halb so groß hängen wie für das Landespressefest.
Wenn die Hauptstadt sich selber Konkurrenz macht
Dass das Konzert kostenlos ist, wirkt auf den ersten Blick wie Großzügigkeit. Wer zwei Sekunden länger nachdenkt, erkennt das übliche Schweriner Muster: freier Eintritt bedeutet nichts anderes, als dass das Budget für Plakate, Werbung und Öffentlichkeitsarbeit am Dom aufgebraucht ist, bevor der erste Ton erklingt. Eine A-cappella-Truppe mit internationalen Preisen wird in Schwerin veranstaltet wie ein Sommer-Flohmarkt der Kirchengemeinde. Eintritt frei, Spende erbeten, Rest auf sich gestellt.
Für eine Landeshauptstadt mit 96.000 Einwohnern ist das einerseits ehrenwert – Kultur für alle, ohne Eintrittsschwelle. Andererseits zeigt es das Grundproblem: Was nicht aus dem Rathaus kommt, fällt zwischen Stadttheater, Museum und den freien Trägern durch. The Octavians sind ein Glücksfall, weil sie ihre eigene Logistik mitbringen, ihr eigenes Publikum mobilisieren und ihre eigene Bühnenerfahrung besitzen. Ohne diese Mitnahmeeffekte wäre das Konzert ein interner Zettel am schwarzen Brett der Hochschule geblieben.
„Wer in Schwerin ein Konzert besuchen will, muss wissen, dass es stattfindet. Wer nicht Bescheid weiß, geht in den Dom und staunt, warum plötzlich zwölf Menschen auf den Stufen stehen.“
— Karin L., Dom-Kantorin in Schwerin
Wer am 12. August um 19.30 Uhr nichts Besseres vorhat – oder wer Schwerin so liebt, wie es sich selbst liebt –, sollte hingehen. The Octavians sind ein kultureller Lichtblick, der von außen kommt. Sie beweisen, dass Schwerin mehr kann, als nur Landeshauptstadt zu sein. Sie beweisen vor allem, dass es diese Bühne verdient hätte, ohne den Umweg über Jena, Leipzig und Tampere bespielt zu werden. Bis das soweit ist, bleibt: Eintritt frei, Spende erbeten, und die stille Hoffnung, dass beim nächsten Konzert der Oberbürgermeister wenigstens eine Pressemitteilung schickt.
Foto: Leonhard_Niederwimmer / Pixabay
Quelle: schwerin.news
Schwerin ist Geil auf WhatsApp
Tägliche Satire-News direkt aufs Handy. Kein Spam, nur Geilheit.
Jetzt Kanal abonnierenKostenlos · Kein Gruppenchat · Jederzeit abbestellbar
