Schwerin ist Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern, Sitz der Ministerien, Heimat von 96.000 Menschen und seit dieser Woche offenbar auch die einzige Großstadt Deutschlands, in der ein See mehr Wasser hat als die gesamte Bundesregierung an Zustimmung. Während am Rhein die Schiffe auf dem Trockenen sitzen und an der Donau die Pegel sinken, vermeldet das Umweltministerium in Schwerin: Alles easy, wir haben sogar zu viel.
Die Elbe, jener Fluss, an dem Dresden, Hamburg und der komplette Binnenschifffahrtsverkehr hängen, hat laut ZEIT gerade mal noch 47 Zentimeter am Pegel Boizenburg. In Dömitz sind es sogar nur 20 Zentimeter. Der mittlere Wasserstand? Liegt bei 183, beziehungsweise 178 Zentimetern. Das ist nicht Niedrigwasser, das ist statistisch gesehen ein Bach. Die Elbfähre „Tanja“ zwischen Darchau und Neu Darchau hat deshalb ihren Betrieb eingestellt. Wer jetzt noch von Niedersachsen nach Mecklenburg-Vorpommern will, muss schwimmen oder hoffen, dass der nächste Sturm genug Wasser zurückpustet.
Der Schweriner See als Symbol der Landespolitik
Während also ganz Deutschland über zu wenig Wasser klagt, schwappt der Schweriner See gemütlich sieben Zentimeter über seinem Zielwasserstand für August. Umweltminister Till Backhaus (SPD) sagt dazu, dass drei Viertel der Pegel im Land unterhalb des mittleren Wasserstandes lägen – aber das sei „für die Jahreszeit nicht außergewöhnlich“. Das ist die typisch schwerinische Antwort auf jede Krise: Wir haben das Problem nicht, also gibt es das Problem nicht. Wer in dieser Stadt eine Baustelle melden will, bekommt zur Antwort, dass die Stadt selbst ja auch gerade eine Baustelle ist, also gleiches Recht für alle.
„Wir haben hier noch nie zu wenig Wasser gehabt. Im Gegenteil – wenn es regnet, kriegen wir sofort die Pfützen, wenn es trocken ist, haben wir Seen.“
— Anwohnerin am Pfaffenteich, 67, aus Schwerin-Altstadt
Die Pointe ist so schwerinisch, dass sie fast schon wieder nett wäre, wenn sie nicht auf dem Rücken des Restes der Republik ausgetragen würde. Während Brandenburg Trinkwasser rationiert, Sachsen-Anhalt die Landwirte um jeden Tropfen betteln lässt und Hamburg sich Sorgen um seine Hafencontainer macht, genehmigt sich die Landeshauptstadt den Luxus, Wasser im Überfluss zu haben. Man könnte jetzt natürlich sagen: Glück gehabt, Mecklenburg-Vorpommern ist Seenland, das ist doch toll. Stimmt. Nur dass die Seen in MV alle in Schwerin liegen, und das ist halt der Unterschied zwischen Glück und Planwirtschaft.
Dazu passt, dass die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes für die nächsten Tage sogar noch fallende Pegel an der Elbe erwartet. 50 bis 51 Zentimeter in Boizenburg. Damit ist die Elbe faktisch ein Rinnsal, das sich vor jedem Kajak versteckt. Die Binnenschiffer, die normalerweise Kohle, Getreide und Container über die Elbe transportieren, stehen mit ihren Schiffen vor verschlossenen Schleusen und fragen sich, warum ausgerechnet das Bundesland mit dem Namen „Mecklenburg-Vorpommern“ sein Wasser so schlecht verteilt.
Schwerin selbst hat davon null Probleme. Der Schweriner See ist randvoll, der Pfaffenteich führt Hochwasser im Mini-Format, und wer am Zippendorfer Strand seine Hand ins Wasser hält, merkt: Hier ist alles da, was anderswo fehlt. Willkommen in der Landeshauptstadt, in der Wasser keine Mangelware ist. Weil wir es uns leisten können, den Rest der Republik verdursten zu lassen, während wir am See sitzen und in die Sonne blinzeln. Der Rest von Deutschland darf sich gerne einen Schlauch teilen.
Fazit: Schwerin bleibt Schwerin
Am Ende bleibt das Bild, das diese Stadt seit Jahren abgibt: Hier ist alles etwas voller, etwas satter, etwas gleichgültiger. Während die Pegel fallen, bleibt das Selbstbewusstsein oben. Während andere Bundesländer Sandsäcke stapeln, schippern wir über unseren See und nennen das Natur. Schwerin ist halt die einzige Landeshauptstadt, in der eine Wasserknappheit erst dann ein Thema wird, wenn der Pfaffenteich trockenfällt. Bis dahin: Badesachen einpacken, der Rest Deutschlands guckt in die Röhre.
Foto: Grant Durr / Unsplash
Quelle: ZEIT
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