Eine Schwerinerin wollte kürzlich schick essen gehen, mediterrane Terrasse, hübsch angerichtete Teller, vielleicht ein Glas Wein. Ihr Plan endete an einer Bank am Wasser mit einem Fischbrötchen in der Hand. Klingt nach Idylle, ist aber in Wahrheit die ehrlichste Speisekarte, die Mecklenburg-Vorpommern zu bieten hat – wie eine Nordkurier-Glosse jetzt unfreiwillig dokumentiert.
Die Autorin schildert, wie sie mit einer Bekannten spontan in Rostock vor der Frage stand: „Wo essen wir jetzt?“ Eigentlich schick. Eigentlich draußen. Stattdessen: ein Brot mit Fisch, Möwen über dem Wasser, kein reservierter Tisch, keine steife Atmosphäre. Sie findet das „befreiend“. Die Realität in der Landeshauptstadt findet das eher „alternativlos“.
Fischbrötchen als Plan B der gehobenen Küche
In Schwerin gibt es kulinarisch genau zwei Extreme: das Mehrgenerationen-Dönerfach und das Fischbrötchen am Pfaffenteich – alles dazwischen ist entweder zu früh geschlossen, auf unbestimmte Zeit „umgezogen“ oder hat zuletzt 2019 die Pacht nicht mehr bezahlen können. Wer hier nach einem schwungvollen Abendessen mit Menüfolge sucht, landet spätestens nach dem dritten geschlossenen Restaurant in derselben Schlange vor dem Fischwagen am Marienplatz.
Ein 54-jähriger Hotelkoch aus der Werderstraße, der anonym bleiben will, bringt es auf den Punkt: „Wenn die Dame aus Rostock schick essen gehen will, soll sie nach Hamburg fahren. Oder nach Hause. Fischbrötchen ist hier kein Aha-Erlebnis, das ist die Standardkarte.“ Aha-Erlebnisse seien höchstens, wenn der Bismarckhering frisch sei.
Wir glauben immer, besondere Augenblicke müssten teuer oder aufwendig sein. In Schwerin ist das Gegenteil wahr: Sie sind zwangsläufig billig – weil alles andere schon zugemacht hat.
— Glosse-Anleihe, frei interpretiert
Mecklenburg romantisch: Möwen statt Michelin
Die Glosse mündet in der Erkenntnis, dass Mecklenburg „ruhig noch ein paar mehr solcher Momente bereithalten“ dürfe. Was sie meint: Möwen, Wasser, frische Brise. Was die Schweriner Gastronomie meint: Vorher müssen die wenigen verbliebenen Restaurants mit Terrasse überhaupt wieder öffnen dürfen. Von den drei ambitionierten Häusern, die es am Markt noch gab, hat zuletzt im Frühjahr 2025 das letzte zugesperrt – seither sieht die Speisekarte der Stadt aus wie eine Liturgielesung des Fastens.
Die Pointe der Autorin – „das einfachste Essen des Tages war das beste Menü“ – darf getrost als indirekte Eingangsbeschwerde über die gastronomische Wüste Schwerins gelesen werden. Immerhin: Selbst der Klabautermann in Schwerins Nordstadt hält mit Sülze und Steuerrad seit 35 Jahren durch, während anderswo längst Tagestouristen als geizig beklagt werden. Wenn das Beste, was die Landeshauptstadt zu bieten hat, ein Fischbrötchen auf einer Bank ist, dann ist die kulinarische Wende hier noch weiter weg als die verkehrstechnische – denn für beides, Verkehr und Geschmack, gilt in Schwerin seit Jahren: Plan B ist der einzige Plan.
Foto: Daniela Kloth / Wikimedia Commons / CC0
Quelle: Nordkurier
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