Schwerin ist in diesem Jahr Ausgangspunkt der bundesweiten „Tour de Verkehrswende“ – und das ist in etwa so überraschend wie ein platten Reifen auf einer Radweg-Baustelle in der Lübecker Straße. Am Samstag, dem 8. August, treffen sich um 12 Uhr am Alten Garten Menschen, die ernsthaft glauben, dass man an der Schweriner Verkehrspolitik irgendetwas wenden könne – organisiert von Changing Cities gemeinsam mit dem Radentscheid Schwerin.
Die geplante Strecke ist rund 12 Kilometer lang. Zwölf Kilometer – das sind ungefähr die Strecke zwischen zwei Schweriner ICE-Haltestellen, von denen es bekanntlich keine gibt. Die Demonstration führt einmal quer durch die Landeshauptstadt, gefolgt von einer ersten Etappe Richtung Zarrentin. Ab 14 Uhr soll es weitergehen, immerhin: In Schwerin selbst startet man mit dem Rad, weil die Stadtwerke einem den Bus ohnehin erst ab 18 Uhr wieder aus der Garage lassen.
Verkehrswende, weil der Verkehr sonst nirgendwo hinkommt
Die Veranstalter fordern mehr Radverkehr, Verkehrssicherheit und eine andere Gestaltung des Straßenraums. In Schwerin heißt „andere Gestaltung des Straßenraums“ konkret: Schlaglöcher werden ab sofort als „Verkehrsberuhigung“ deklariert. Eine 81-jährige Rentnerin aus dem Mueßer Berg, die namentlich nicht genannt werden will, sagte der Redaktion: „Ich fahre seit vierzig Jahren Auto in Schwerin. Eine ernsthafte Verkehrswende? Dat löppt hier nich. Dat löppt hier nie.“ Die Dame steigt jetzt aufs Rad.
Im Mittelpunkt stehe die Frage, wie Städte den Verkehr künftig sicherer und nachhaltiger gestalten können. Das klingt förmlich nach Berlin, Hamburg oder München – alles Städte, in denen man noch nicht jahrelang auf einen Radweg gewartet hat, der dann in einer Sackgasse am Schlossgarten endet. In Schwerin darf man gespannt sein, ob die zwölf Kilometer nicht an einer einzigen Baustelle scheitern.
Ich hab mir extra neue Bremsen gekauft. Hier brauchst du die alle naselang – vor allem, weil die Radwege nach 50 Metern plötzlich im Nichts aufhören.
— Erfundener Schweriner Radfahrer
Vom 7. bis 16. August: Eine Tour, drei Bundesländer, null ICE
Nach der Auftaktdemo in der Landeshauptstadt führt die Tour bis nach Dessau – sieben Bundesländer, eine Menge Asphalt, hoffentlich ohne Plattfuß. Bundesweite Tour de Verkehrswende, klingt nach einem Event für Menschen, die noch an symbolische Politik glauben. Die Tour macht zwischen dem 7. und 16. August an mehreren Stationen halt, Schwerin ist nur der Anfang, nicht das Ende der Wende.
Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Wer am Samstag um 12 Uhr am Alten Garten steht, muss nur ein funktionierendes Fahrrad mitbringen. Freiwillige Helfer der Stadtverwaltung, die den Straßenraum „für die Demonstration vorbereiten“ wollen, wurden bisher nicht gesichtet – was sich mit der jüngsten Baustellenbilanz der SDS deckt. Immerhin: Der Radentscheid Schwerin begleitet das Ganze seit Jahren und kennt die kaputten Stellen im Stadtgebiet inzwischen besser als jeder Tiefbauamts-Mitarbeiter.
Für Schwerin bleibt am Ende vor allem eine Erkenntnis: Wer eine richtige Verkehrswende will, muss vorher eine richtige Stadt haben. Immerhin: Der Nahverkehr verbrennt allein 600.000 Euro im Jahr an Diesel, während die Stadtwerke zum Gebührenthema schweigen. Aber 12 Kilometer, ein Anfang, ein Samstag im August, und das Wetter soll mitmachen. Das ist in Schwerin schon fast ein Erlebnis.
Foto: David Dvořáček / Unsplash
Quelle: schwerin.news
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