Kurioses

Schwerin räumt die Trauerweide ab und merkt: Hinter dem Baum war gar nichts

Die Sturmböen in der Nacht vom 30. auf den 31. Juli haben in Schwerin nicht irgendetwas umgeblasen, sondern etwas, das man nicht so schnell ersetzt: die Trauerweide an den Schliemannterrassen am Pfaffenteich. Windgeschwindigkeiten von bis zu 80 km/h reichten aus, um den Baum komplett zu kippen. Eine Linde im Bereich der Siegessäule traf es genauso. Beide Bäume waren alt, beide hingen am Stadtbild, und beide kommen nun in der nächsten Pflanzsaison als Neupflanzung wieder. Das ist beruhigend. Etwas weniger beruhigend ist der Blick auf das, was vorher hinter dem Baum war.

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Der SDS, also der Eigenbetrieb Stadtwirtschaftliche Dienstleistungen Schwerin, hat unmittelbar nach dem Sturm mit Kontrolle und Beseitigung der Gefahrenstellen begonnen. Das ist professionell, zuverlässig und gehört genau zu den Dingen, die man in einer Landeshauptstadt erwarten darf. Weniger erwartet hat man allerdings, dass nach dem Verschwinden der Trauerweide plötzlich eine ziemlich große Freifläche auf der Schliemann-Terrasse existiert. Die Stadt will reagieren, sagt die Verwaltung. Was genau sie pflanzen will, sagt sie noch nicht.

„In Schwerin wachsen Bäume über Jahrzehnte. Umgestürzt werden sie über Nacht. Genehmigt wird die Neupflanzung in der übernächsten Legislaturperiode.“

Schwerin als Stadt mit Baumlöchern

Die Schliemann-Terrasse liegt auf der Ostseite des Pfaffenteichs, direkt an der August-Bebel-Straße, und wird von einer Bronzebüste des Troja-Entdeckers Heinrich Schliemann geprägt. Wer dort in den vergangenen Jahrzehnten am Wasser saß, sah Schliemann, Wasser, Enten, ein paar Spaziergänger und vor allem: eine Trauerweide. Die Weide war das, was die Terrasse zur Terrasse gemacht hat. Ohne den Baum wirkt der Ort plötzlich wie ein Architekturwettbewerb mit Minimalismus-Vorgabe: ein Denkmal, viel Himmel, ein paar Steine.

Die Stadt Schwerin hat angekündigt, die Bäume in der nächsten Pflanzsaison zu ersetzen. Die nächste Pflanzsaison ist erfahrungsgemäß der Zeitraum, in dem die Pflanzung selbst dann stattfindet, wenn zwischendurch ein Baumkataster aufgesetzt, eine Bürgerbeteiligung durchgeführt und drei Förderanträge gestellt wurden. In Schwerin dauert die Neupflanzung eines Baumes länger als anderswo die Sanierung einer ganzen Straße. Die Trauerweide selbst hätte das vermutlich gelassen gesehen. Sie war eine Trauerweide. Trauer ist ihr Fachgebiet.

Sturm, Baum und Stadtbild

Was der SDS jetzt macht, ist ehrlich: kontrollieren, sichern, dokumentieren und auf die nächste Pflanzsaison vertrösten. Wer beschädigte Bäume sieht, darf sich an info@sds-schwerin.de wenden. Das ist die ehrlichste Einladung zur Stadtpflege, die Schwerin seit Langem formuliert hat. Bürger sollen mitdenken, Bürger dürfen mitmailen, Bürger müssen aber weiterhin damit leben, dass bis zur nächsten Trauerweide einige Pflanzsitzungen ins Land gehen.

Am Ende wird also eine neue Trauerweide herwachsen. Irgendwann wird sie die Terrasse wieder so aussehen lassen, wie man es aus Urlaubsfotos von 1998 kennt. Bis dahin bleibt Schwerin eine Stadt mit einem besonders gut einsehbaren Pfaffenteich. Wer dort spazieren geht, sieht jetzt mehr Himmel und mehr Schliemann. Mehr ist es gerade nicht. Aber Schwerin nimmt das mit Fassung. Die Stadt ist Übung darin, dass Dinge, die lange gewachsen sind, plötzlich weg sind. Meistens stehen sie dann in einem Arbeitskreis auf der Tagesordnung. Diesmal sind sie schon vorher weg.

Foto: William Crochot (Medium69) / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0 / Symbolbild: Trauerweide

Quelle: SN-Aktuell

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