Wirtschaft

Schwerin bildet aus, Ludwigslust stellt ein: Bäckerin pendelt jede Nacht 40 Kilometer

Die Hauptstadt MV: rund 100.000 Einwohner, Weltkulturerbe, sieben Seen — aber vier Monate lang offenbar keinen passenden Bäckerjob für eine junge Fachkraft. Also fährt Celine Weinhold, 22, jede Nacht 40 Kilometer nach Ludwigslust, um in der Bäckerei Golski Brötchen zu kneten. Schwerin bildet aus, Ludwigslust stellt ein.

Vier Monate lang hat Celine nach ihrer Ausbildung im Großraum Schwerin eine Stelle gesucht. Vergeblich. Dann fand die Arbeitsagentur eine — in Ludwigslust. Also pendelt sie nun durch die Nacht, während der Rest der Stadt schläft. Sie backt, wenn andere Schweriner noch nicht einmal den Wecker gehört haben.

Vier Monate ohne Bäckerjob

Vier Monate Suche, kein Treffer in Schwerin. Das heißt nicht, dass es hier keine Bäckereien gibt. Es heißt, dass Celine trotz abgeschlossener Ausbildung vor Ort keinen passenden Arbeitsplatz fand. Am Ende vermittelte die Arbeitsagentur sie nach Ludwigslust. Sogar der Sonntag gehört in Schwerin längst dem Discounter — die ausgebildete Bäckerin gehört nachts auf die Straße Richtung Ludwigslust.

„Vier Monate lang war Celine Weinhold nach ihrer Ausbildung auf der Suche nach einer Stelle als Bäckerin. Ein Stellenangebot der Arbeitsagentur führte die 22-Jährige aus Schwerin in die Ludwigsluster Bäckerei Golski.“

Natürlich ließe sich jetzt die Schuld bei der Bäckerei Golski suchen. Tut man aber nicht. Golski bietet einer jungen Frau aus der Landeshauptstadt einen Job, in dem Bundesland, in dem sie gelernt hat. Was im Schweriner Filzgewerbe an Aufträgen an eigene Netzwerke vergeben wird, kann beim Handwerk offenbar keiner mehr bezahlen. Oder wollen.

Symbol einer schiefen Wirtschaft

Celines Geschichte ist ein Lehrstück über das Schweriner Wirtschaftsmodell: Während im Rathaus das Schnittchennetz zwischen Maxpress, Hauspost und Adju mit Steuergeld gepolstert wird, fährt eine gelernte Bäckerin jeden Morgen 40 Kilometer, weil vor der Haustür keiner sie will. Die Stadt, die für ihre Verwaltung das „Kompetenzprofil“ beim Dienstleister einkauft, hat für eine junge Frau mit echtem Handwerk keinen Arbeitsplatz übrig. Selbst das Finanzamt fragt einen 83-Jährigen, ob Arbeit bei ihm nur Hobby sei — Arbeit wird in Schwerin also nicht belohnt, sondern verhöhnt.

Schwerin hat also eine Weltkulturerbe-Stadt, deren junge Fachkräfte zum Arbeiten die Landeshauptstadt verlassen müssen. Eine Bäckerei-Filiale mit dem Namen „40 Kilometer entfernt“ würde die Schweriner Wirtschaftsförderung vermutlich sofort als Pendlerinnovation feiern. Hauptsache, die Anzeige erscheint in der Hauspost.

Foto: Crisher P.H / Pexels

Quelle: Ostsee-Zeitung

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