Willkommen in Schwerin — wo man als 93-Jähriger noch Bücher schreibt, weil man der Stadt wohl beim Altern einfach nicht untätig zusehen will. Der Kieler Autor Rolf Gruel hat jetzt ein Werk über die Landeshauptstadt vorgelegt, das von der Steinzeit bis zum heutigen Welterbe-Schloss reicht. Gebürtiger Schweriner, weggezogen 1964 — und trotzdem noch nicht fertig mit der Heimat.
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Gruel ist ein Phänomen. Mit 93 sitzt er offenbar noch am Schreibtisch und verarbeitet Kindheitserinnerungen, die tiefer in Mecklenburg verwurzelt sind als die meisten Eichen im Schlossgarten. Im Buch nimmt er die Leser mit auf eine Reise durch Jahrtausende. Steinzeit, mittelalterliche Fürsten, das Residenzschloss als politisches Machtzentrum, der Wandel zur heutigen Welterbe-Stadt. Das klingt erstmal nach ehrgeiziger Archäologie im Rentenalter.
Kiel hat ihn, Schwerin prägt ihn
Was macht ein Mann, der seit 1964 in Kiel lebt, mit seiner Schweriner Kindheit? Er schreibt ein Buch darüber. Das ist entweder therapeutisches Heimweh oder produktive Verarbeitung — kommt auf den Standpunkt an. Schwerin sei ihn nie ganz losgeworden, lässt er durchblicken. Man stelle sich vor: Eine Stadt, die einen 93-Jährigen so prägt, dass er noch Jahrzehnte nach dem Wegzug darüber publiziert.
„Die meisten Kieler halten sich für schlecht angezogen.“
— Rolf Gruel, sinngemäß über das modische Selbstbewusstsein seiner Wahlheimat (Quelle: Ostsee-Zeitung)
Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten — über Schweriner Geschmack erst recht. Dass ein Kieler Autor in seinen Neunzigern ausgerechnet die Kleiderordnung der Landeshauptstadt aufarbeitet, hat etwas Tröstliches. Immerhin interessiert sich noch jemand für unser Innenstadt-Flair. Auch wenn der Blickwinkel ein externer ist.
Welterbe mit Tiefgang
Das Schweriner Residenzensemble trägt seit Juni 2024 den Titel „Immaterielles Kulturerbe“ der UNESCO, zusätzlich zur bereits bestehenden Anerkennung als Welterbe. Ein historischer Meilenstein, der bundesweit Anerkennung fand. Dass ein gebürtiger Schweriner in seinem hohen Alter diesen Bogen spannt — von der Steinzeit bis zur Welterbe-Landeshauptstadt —, hat durchaus Symbolkraft. Die Stadt wird alt, ihre Geschichten auch.
Aber wer kauft das Buch eigentlich? Klar, die eingefleischten Heimatfreunde werden zugreifen. Touristen, die am Pfaffenteich entlanglaufen, vielleicht auch. Und natürlich alle Schweriner, die in Kiel wohnen — und umgekehrt. Ob das Werk in der örtlichen Buchhandlung zwischen den Self-Help-Ratgebern und dem neuen Hansa-Rostock-Bildband einen Ehrenplatz bekommt, wird sich zeigen.
Die Ironie dieser Geschichte: Eine Landeshauptstadt, die selbst in ihren Hochglanzbroschüren ständig mit ihrer Geschichte und dem Schloss wirbt, braucht einen 93-Jährigen aus dem Norden, damit das erzählt wird. Hut ab. Aber warum kriegt Schwerin das nicht selbst hin? Tja. Willkommen in Schwerin.
Foto: Ralf Roletschek / Wikimedia Commons / GFDL 1.2
Quelle: Ostsee-Zeitung
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