Schwerin ist Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern, Sitz der Ministerien und damit oberste Adresse für rund 96.000 Menschen, die hier leben. Wenn eine 74-Jährige aus dieser Landeshauptstadt jedoch eine ganz normale Kreditkarte beantragen will, landet sie nicht beim Sachbearbeiter ihrer Bank, sondern bei einer Antidiskriminierungs-Beratungsstelle. Willkommen in der Hauptstadt, in der das Finanzsystem nur funktioniert, wenn man Glück hat, jung wirkt oder einen guten Tag bei der Ausweis-App erwischt.
Die Beratungsstelle, über die die Ostsee-Zeitung aktuell berichtet, sieht sich einer wachsenden Welle älterer Schweriner gegenüber. Deren Vergehen: Sie wurden alt. Die Strafe: Ablehnungen, sobald sie irgendein digitales Formular anfassen. Kreditkarte abgelehnt. Reha-Maßnahme abgelehnt. Kontoeröffnung in der Filiale? Drei Wochen Wartezeit, weil die Sachbearbeiterin in Elternzeit ist und der Schalter-Mann lieber die Spülmaschine repariert als Menschen.
Eine Hauptstadt, die ihre Alten nicht mehr erkennt
Schwerin wirbt offiziell mit dem Slogan „Landeshauptstadt zum Wohlfühlen“. Wohlfühlen funktioniert hier offenbar nur, solange man unter 65, online-affin und im Besitz eines Smartphones ist, das nicht 2017 vom Discounter stammt. Wer älter ist und keinen Lebenslauf in QR-Code-Form vorlegen kann, fällt durch jedes Raster. Die Beratungsstelle nimmt diese Fälle auf, hört zu, sortiert – und versucht anschließend, den Betroffenen zu erklären, dass sie nicht „zu alt für die moderne Welt“ sind, sondern schlicht zu alt für die moderne Welt einer Bank, deren Algorithmus nur zwischen „Kunde mit Potenzial“ und „Kunde mit Sargbestellung“ unterscheidet.
„Ich wollte nur eine Reha beantragen, weil mir das Knie wehtut. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich dafür erst einmal beweisen muss, dass ich überhaupt noch lebe.“
— Renate B., 74, aus Schwerin-Lankow
Solche oder ähnliche Sätze dürften die Berater in der Beratungsstelle inzwischen im Schlaf hören. Die Senioren kommen nicht, weil sie psychologische Betreuung brauchen, sondern weil sie ein Stück Welt zurückwollen, das noch funktioniert: Eine Filiale, in der jemand den Ausweis entgegennimmt. Ein Formular in Papierform. Eine Stimme am Telefon, die nicht fragt: „Haben Sie schon unsere App probiert?“ Die Antwort ist immer dieselbe: Nein, weil sie ein Handy haben, das Apps nur als Hintergrundgeräusch kennt.
Die Bürokratie kennt kein Alter, nur Aktenzeichen
Was nach einem klassischen Generationenkonflikt klingt, ist in Wirklichkeit eine Frage der Stadt. In Schwerin verschärft die Lage sich, weil viele Wege ohnehin länger sind. Eine Bankfiliale, die schließt, ist in Schwerin nicht einfach die nächste Filiale um die Ecke – sie ist in Rostock oder in Grevesmühlen. Wer kein Auto mehr fährt und keinen Internetanschluss besitzt, fährt Bus. Der Bus fährt alle zwei Stunden. Wer den verpasst, wartet bis morgen. Und morgen ist die Filiale dann doch zu.
Die Beratungsstelle schließt diese Lücke – notdürftig, mit viel Engagement und mit dem ehrlichen Satz: „Wir können nicht die Bank sein, aber wir können Ihnen zeigen, wie Sie sich wehren.“ Das ist gut. Das ist wichtig. Das ist allerdings kein Ersatz für eine Landeshauptstadt, die ihre älteren Bürgerinnen und Bürger so behandelt, als wären sie der letzte Bauantrag vor der Sommerpause. Wer in MV 70 wird und in Schwerin wohnt, sollte wenigstens das Gefühl bekommen, dass die Hauptstadt ihn noch sehen will.
„Schwerin muss nicht hipper werden. Es muss nur wieder so funktionieren, dass eine 70-Jährige eine Reha bekommt, ohne vorher gegen einen Algorithmus zu verlieren.“
— Hartmut M., pensionierter Verwaltungsangestellter aus Schwerin
Wer jetzt denkt, das sei Einzelfall-Romantik aus der Provinz: Die Beratungsstelle berichtet von einer deutlich steigenden Zahl ähnlicher Fälle. Eine Stadt, die ihre älteren Bewohner zwischen Algorithmen und Aktenzeichen verliert, verliert mehr als nur Kontoinhaber. Sie verliert den Teil ihrer Geschichte, der nicht in Apps passt. Schwerin hat 96.000 Einwohner. Wenn die Hälfte davon in zehn Jahren so behandelt wird wie Renate B., bleibt von der Landeshauptstadt mehr Symbolik als Substanz. Und Symbolik allein reicht nicht mal für eine Kreditkarte.
Foto: Kampus Production / Pexels
Quelle: Ostsee-Zeitung
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