Kultur

Hinter der Wand im Schweriner Schloss: Das DDR-Kunstwerk, das niemand bestellt hat und keiner wegräumt

Im Schweriner Schloss steht seit Jahrzehnten ein Bild an der Wand, das eigentlich niemand sehen soll und trotzdem niemand wegräumt. Es ist groß, frühneuzeitlich sozialistisch und trägt den Titel „Neubauern“. Gemalt hat es Georg Stapel, irgendwann um 1950, also zu einer Zeit, in der in Mecklenburg-Vorpommern fleißig Neubauern gegründet wurden. Heute steht das Werk hinter einer Leichtbauwand. Das ist keine Metapher. Es ist Bautechnik.

NDR 1 Radio MV hat das Kunstwerk jetzt in einem Beitrag wiederentdeckt. Es ist also nicht verschollen, nur systematisch nicht gemeint. Die Republik hat in den Siebzigern vermutlich geplant, das Schloss ganz normal als Schloss zu nutzen, was zur Folge hatte, dass manches, was nicht ins Konzept passte, hinter Trockenbau verschwand. Dass ausgerechnet ein Sozialismus-Gemälde im Schweriner Schloss der DDR-Landtag war, passt zur Stadt eigentlich perfekt. Hier wird seit 75 Jahren vergraben, was politisch unbequem ist. Das ist Mecklenburg-Vorpommern als Institution.

„Versteckt sich ein Kunstwerk erst einmal hinter einer Leichtbauwand, wird es in Schwerin zur Denkmal-Kategorie.“

„Neubauern“ als politisches Erbstück

Das Bild selbst ist Ausstattung der Frühzeit der DDR, gemalt also in dem Moment, in dem Kollektive gegründet, Boden aufgeteilt und Erntemaschinen besungen wurden. Das Sujet passt, der Zeitgeist war gerade warm. Stapel malte das, was die Funktionäre sehen wollten: Leute, die mit beiden Händen anpacken, im Hintergrund ein Horizont, der so weit ist, dass er die Zukunft symbolisiert. Das Bild ist handwerklich solide, politisch erwartbar und heute vor allem deshalb interessant, weil es nicht im Museum, sondern im Schloss hinter einer Wand steht.

Was genau mit dem Werk geschehen soll, weiß offenbar niemand so richtig. Restaurieren? Umsetzen? Einlagern? Verschenken? In Schwerin werden solche Entscheidungen traditionell so getroffen, dass am Ende eine Arbeitsgruppe gegründet wird, die in einem halben Jahr einen Termin macht, an dem nichts entschieden wird. Das ist bewährt, weil es niemandem wehtut und niemanden zuständig macht. Das Bild selbst wird das verschmerzen. Es steht ja seit Jahrzehnten hinter seiner Wand.

Schwerin als Museum der vergessenen Entscheidungen

Es gibt in Schwerin viele Ecken, hinter denen irgendetwas verschwindet, das niemand mehr sehen will. Akten, Pläne, Kunstwerke, Verkehrsprojekte, gelegentlich auch ganze Stadtteile. Dass ausgerechnet ein DDR-Wandbild im Welterbe-Schloss nun per NDR-Beitrag wieder ans Licht kam, ist die ehrlichste Form der Denkmalpflege, die diese Stadt seit Langem hatte. Nicht sanieren, nicht vermessen, sondern einfach: hinhören, wenn jemand erzählt, was hinter der Wand steht.

Am Ende wird das Bild wahrscheinlich genau dort bleiben, wo es ist. Hinter der Wand. In Schwerin läuft ja nichts weg, das nicht mindestens einmal von einem Arbeitskreis begutachtet, dreimal umgeplant und am Ende doch nicht angefasst wurde. Georg Stapel hätte das vermutlich gemocht. Ein Werk über Beständigkeit verschwindet hinter einer Wand in einer Stadt, die Beständigkeit seit Jahrzehnten mit Stillstand verwechselt. Das ist postwendende DDR-Kunst. Ohne den Postweg zu kennen.

Foto: Kolossos / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 / Symbolbild: Schweriner Schloss

Quelle: NDR 1 Radio MV

Nichts verpassen! 📰 Newsletter abonnieren

Erhalte die neuesten Nachrichten aus Schwerin direkt in dein Postfach – satirisch, ehrlich, geil.

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Schwerin ist Geil auf WhatsApp

Tägliche Satire-News direkt aufs Handy. Kein Spam, nur Geilheit.

Jetzt Kanal abonnieren

Kostenlos · Kein Gruppenchat · Jederzeit abbestellbar

Teilen:

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Genau wie die meisten Neuigkeiten aus Schwerin.