Politik

Zwei Baustellen auf einmal: Schwerin buddelt sich den Sommer kaputt

Schwerin – Die Schweriner Stadtkasse ist chronisch klamm, die Straßen chronisch kaputt, und der Sanierungsstau chronisch gewachsen. Da passt es doch wunderbar ins Bild, dass ausgerechnet jetzt, mitten im Hochsommer, gleich zwei Straßen monatelang zur Baustelle werden. In der Johannes-R.-Becher-Straße wird eine Fernwärmeleitung repariert, und in der Walther-Rathenau-Straße wird der Gehweg erneuert. Zwei Baustellen, eine Stadt, gefühlt alle gleichzeitig.

Erst die Leitung, dann der Weg, immer der Stau

Den Auftakt macht die Johannes-R.-Becher-Straße. Ab Montag wird dort eine Fernwärmeleitung repariert, ein Teil der Straße muss dafür gesperrt werden. Was die Stadt so lapidar als „Reparaturarbeiten“ verkauft, ist in Wahrheit ein weiteres Eingeständnis, dass Schwerins Infrastruktur seit Jahrzehnten auf Verschleiß gefahren wird. Die Reparaturen sollen „etwa einen Monat dauern“ – was im Klartext heißt: ein Monat, in dem Anwohner, Lieferverkehr und der ohnehin ausgezehrte öffentliche Nahverkehr um die Baustelle herumkurven müssen.

Die zweite Baustelle folgt prompt: In der Walther-Rathenau-Straße wird bis Ende August der Gehweg erneuert. Klingt erstmal nach Fortschritt, bedeutet in der Praxis aber: halbseitige Sperrung. Plus eine Einbahnstraßenregelung in Richtung Virchowstraße. Wer aus der Werderstraße kommt, darf sich künftig einen neuen Weg suchen – am besten über die Robert-Koch-Straße, die, man ahnt es, jetzt schon staut wie ein Schiffshebewerk in der Mittagspause.

„Ich wohne hier seit 22 Jahren. Es gibt keinen Sommer ohne Baustelle, keinen Herbst ohne Sperrung, und kein Jahr, in dem nicht irgendwo das Wort ‚Fernwärme‘ fällt. Inzwischen frage ich mich, ob die Stadt das Netz überhaupt noch im Griff hat.“

— Anwohner der Walther-Rathenau-Straße

Landeshauptstadt im Dauer-Sperrmodus

Was in Hamburg oder Hannover eine Randnotiz wäre, ist in Schwerin wieder einmal ein Großereignis mit Ansage. Während anderswo über Mobilitätswende, Radinfrastruktur und klimaneutrale Wärmenetze diskutiert wird, repariert man in der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern die Leitungen, die längst hätten erneuert werden müssen, im Hochsommer im Akkord. Und die Anwohner dürfen sich freuen, dass die Stadt es überhaupt schafft, gleichzeitig an zwei Stellen den Asphalt aufzureißen – Glanzleistung der Schweriner Bauverwaltung, immerhin.

Die Stadtwerke verweisen routiniert auf die „Wichtigkeit der Maßnahme für die Versorgungssicherheit“. Die Anwohner verweisen routiniert auf den Mittelfinger, den sie an der nächsten Baustellenampel aus dem Autofenster zeigen. Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit: Schwerin ist eine Stadt, die ihre Infrastruktur offenbar nur im Krisenmodus instand hält – wenn ein Rohr bricht, wird gebuddelt, wenn ein Bürger klagt, wird gehandelt. Vorausschauende Planung? Fehlanzeige. Hauptsache, das Schlagloch ist weg, bevor der nächste Winter kommt.

Bis Ende August heißt es also für alle Verkehrsteilnehmer im Westmecklenburg-Quartier: Navi aktualisieren, Geduld mitbringen, einen weiten Bogen fahren. Und sich mit der Gewissheit trösten, dass es im nächsten Sommer garantiert die nächste Baustelle gibt. In Schwerin ist schließlich immer irgendwo der Boden auf.

Foto: Pixel Shot / Unsplash

Quelle: NDR

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