Die Schweinezüchter in Mecklenburg-Vorpommern stecken in einer Krise, die so tief sitzt, dass selbst die Sommer-Grillsaison nichts mehr rettet. Statt der üblichen Preiserholung im Mai und Juni schreiben viele Betriebe mit jedem verkauften Tier rote Zahlen. Eine Züchterin aus dem vorpommerschen Bentzin bringt das ganze Elend auf einen Satz: „Wir binden bildlich gesehen jedem Schwein einen Zehn-Euro-Schein an den Schwanz.“
Willkommen in der Landeshauptstadt, wo die Mieten steigen, die Straßenbahnen aus dem letzten Jahrtausend stammen und jetzt auch noch das liebe Vieh zur Investitionsruine wird. Aber immerhin: Man ist unter sich.
Ferkel zum halben Preis, Mastschweine mit Verlust
Stefan Wille genannt Niebur aus Plate bei Schwerin betreibt ein geschlossenes System mit eigenen Sauen und selbst aufgezogenen Ferkeln. Klingt nach Kontrolle, nach Plan, nach norddeutscher Tüchtigkeit. Ist in diesem Sommer auch nichts wert. „Bei einer Vollkostenrechnung muss man ehrlich gestehen, dass wir bei jedem Ferkel 5 Euro und bei jedem Mastschwein sogar bis zu 20 Euro dazusetzen. Das ist so bitter“, sagt der Landwirt. Man könnte auch sagen: Die Schweriner Region subventioniert gerade spanische Billigkonkurrenz mit deutschen Verlusten.
Denn die Ursache liegt nicht im Stall, sondern auf dem Weltmarkt. Spanien hat noch immer mit den Folgen der Afrikanischen Schweinepest zu kämpfen und kann den asiatischen Markt nicht mehr bedienen. Asien wehrt sich inzwischen gegen Einfuhren. Das überschüssige Fleisch aus Spanien landet bei uns. Die heimischen Preise? Im freien Fall, um rund 20 Cent pro Kilogramm Schlachtgewicht.
Wir binden bildlich gesehen jedem Schwein einen Zehn-Euro-Schein an den Schwanz.
Antje Kühling, Schweinezüchterin aus Bentzin
Der Standortnachteil als Dauerzustand
Was die Lage in M-V besonders ungemütlich macht: Die weiten Wege zum Schlachthof fressen den ohnehin schmalen Gewinn vollends auf. Hinzu kommen gestiegene Kosten für Energie, Kraftstoff und Futtermittel. Die Landwirte in Mecklenburg-Vorpommern kämpfen also gleichzeitig gegen internationale Billigkonkurrenz, gegen strukturelle Standortnachteile und gegen eine Kostenlawine, die in keiner Verhältnisrechnung der Welt aufgeht.
Ein Schweriner Landwirt, der namentlich nicht genannt werden wollte, fasst die Stimmung in der Branche trocken zusammen: „Ich bin hier geboren, ich bleib hier wohnen, und ich werde hier wahrscheinlich pleite gehen. Aber immerhin: Ich wohne in der Landeshauptstadt, das ist doch auch was.“
Mancher Beobachter wird sich fragen, was das alles mit Schwerin zu tun hat. Bentzin liegt in Vorpommern, Plate direkt vor der Stadt. Beide gehören zum Einzugsgebiet unserer geliebten Landeshauptstadt. Wenn die Region um Schwerin wirtschaftlich ausblutet, blutet Schwerin mit. Der Wochenmarkt verliert seine Beschicker, die Dörfer ihre Familien, die Stadt ihre Steuerbasis. Die Abwärtsspirale kennt jeder, der hier aufgewachsen ist.
Was bleibt
Die offizielle Politik schaut zu. Es gibt warme Worte zur Lage der Landwirtschaft, es gibt Fördertöpfe in irgendwelchen Ministerien, und es gibt das übliche Versprechen, man werde „die Rahmenbedingungen verbessern“. Was es nicht gibt, ist eine Idee, wie man den Standortnachteil der weiten Wege, die spanische Konkurrenz und die explodierten Kosten gleichzeitig in den Griff bekommt. Solange das so bleibt, wandert die nächste Generation Landwirt nicht in die Stadt, sondern gleich ganz weg. Vielleicht nach Spanien, wo das Geschäft noch läuft. Oder nach Hamburg. Hauptsache, irgendwohin, wo man mit einem Schwein am Schwanz keinen Zehn-Euro-Schein verliert.
Wir freuen uns drauf. Also irgendwie.
Foto: Mark Stebnicki / Pexels
Quelle: Nordkurier
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