Kultur

Wandelkonzert im Schweriner Finanzministerium: Wenn die Bratsche dem Haushalt die Stimmung gibt

Schwerin. Am Sonntagvormittag wird die Landeshauptstadt einmal mehr zur Bühne. Die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern veranstalten am 12. Juli 2026 ihr Wandelkonzert „Ich & Wir“ – und führen das Publikum diesmal quer durch die Schaltzentralen der Schweriner Macht. Justizministerium, Plenarsaal des Landtags, Finanzministerium, abends Marktplatz. Vier Stationen, an denen normalerweise Akten, Aktenvermerke und gelegentlich ein Kaffee die Hauptdarsteller sind, werden für ein paar Stunden zur Konzertbühne.

Star des Morgens ist der Bratscher Nils Mönkemeyer, Preisträger der Festspiele MV und damit so etwas wie der Hausmusiker des Landes, sofern man beim Wirtschafts- und Kulturministerium in Schwerin einen Hausmusiker zulässt. Zusammen mit Hanni Liang, dem Vokalensemble amarcord, dem ensemble reflektor und einer Schar Studierender der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin spielt er Werke von Bach, Lully und Bowen. Gelesen wird zwischendurch von Schauspielern des Mecklenburgischen Staatstheaters. Es darf vermutet werden, dass die Texte niveauvoller ausfallen als das, was im Landtag sonst so von sich gegeben wird.

Klassik in der Bürokratie

Die Festspiele MV machen in diesem Sommer wieder das, was sie am besten können: Sie schleppen erstklassige Musik in Orte, die ansonsten höchstens durch Sanierungsstau, Haushaltsklausuren oder schlechte Kantinenkost auffallen. Über 3000 Klassikfans feierten am Wochenende die Eröffnung in Bothmer, Standing Ovations für Mechthild Grossmann in Mestlin, jetzt also das Schweriner Regierungsviertel. Es ist eine schöne Idee: Wenn der Haushalt schon nicht ausgeglichen ist, kann wenigstens die Akustik stimmen.

Wenn die Politik schon in der Kreide steht, muss wenigstens die Musik solvent bleiben.

Der Rundgang endet am Marktplatz, wo amarcord mit allen Gästen einen großen Chor bildet. Zwischendurch gibt es ein gemeinsames Mittagessen – man darf das getrost als das höflichste Personalkonzil der Landesregierung bezeichnen. Für drei Stunden werden Justiz-, Finanz- und Landtagsverwaltung zu einem einzigen Publikum. Dass ausgerechnet Nils Mönkemeyer mit seiner Bratsche auch im Finanzministerium spielt, hat einen gewissen Charme: Dort, wo sonst über fehlende Millionen für Schulen, Straßen und Theater gebrütet wird, stehen plötzlich Cello, Viola und ein wenig Hoffnung im Raum.

Schwerin als Bühne – und als Problem

Natürlich darf man das alles auch ein bisschen nüchterner sehen. Schwerin ist Hauptstadt eines Landes, das sich selbst gerne als kulturellen Leuchtturm zwischen Ostsee und Elbe inszeniert. Dass dieser Leuchtturm im Alltag eher mit maroder Infrastruktur, leerem Einzelhandel und einer wachsenden Abwanderung kämpft, ist ein anderes Kapitel. Umso verdienstvoller ist es, dass die Festspiele ausgerechnet die Orte bespielen, an denen über all das entschieden wird.

Wer am Sonntag um 11 Uhr am Schweriner Schloss steht und Mönkemeyer im Plenarsaal des Landtags spielen hört, darf kurz glauben, dass Politik und Kultur sich doch vertragen können. Danach geht es zurück in den Alltag: Haushaltsberatungen, Petitionsausschüsse, kaputte Radwege. Aber für ein paar Minuten klingt es so, als könnte Schwerin mehr sein als die Stadt, die ihre Baulücken am Ziegelsee nicht zugebuddelt bekommt.

Beginn ist am Sonntagvormittag im Justizministerium am Demmlerplatz. Der Eintritt kostet, der Kaffee ist vermutlich extra. Wer klassische Musik mag, Akustik in Altbauten liebt und Schweriner Politiker bei einer sinnvollen Beschäftigung sehen will, sollte sich warm anziehen – die Flure heizt die Landesregierung im Sommer grundsätzlich nur bis 19 Grad.

Foto: PLuebbert / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Quelle: NDR 1 Radio MV

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