Gesellschaft

Wahlhelfer-Notstand in Schwerin: 800 Stimmenzähler gebraucht, die Hälfte fehlt – und die Stadt zahlt 35 Euro für die Rettung der Demokratie

Sieben Wochen vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, und die Demokratie ist – so formuliert es eine Schweriner Stadtsprecherin – „in der heißen Phase“. Was sie verschweigt: Die heiße Phase besteht vor allem darin, dass die Stadt noch nicht weiß, wer am 20. September überhaupt die Stimmzettel ausgeben soll. Rund 800 Wahlhelfer braucht Schwerin, die Hälfte fehlt. In Rostock sind es 200 fehlende Stimmenzähler, in Wismar ein paar Dutzend, in Neubrandenburg immerhin Reserven. Der Plan: Demokratie. Der Stand: Personalrotation im öffentlichen Dienst.

„Wir suchen noch.“

Schweriner Stadtsprecherin, gefragt nach dem Stand der Wahlhelfer-Suche, 29.07.2026

45 Euro für die Demokratie

Was bekommt ein Wahlhelfer in Schwerin? 45 Euro als Wahlvorsteher, 35 Euro in allen anderen Funktionen. Dafür steht man ab sieben Uhr morgens am Urnentisch, schließt um 18 Uhr die Tür, zählt bis tief in die Nacht Stimmzettel, schreibt Protokolle und bekommt – wenn alles gut läuft – nicht einmal ein ordentliches Abendessen gestellt. Zum Vergleich: Ein Paketzusteller verdient an einem Sonntag in der Vorweihnachtszeit mehr pro Stunde. Einmal. Für den Dienst an der Demokratie gibt es in Schwerin das, was die Stadtkasse so übrig hat, wenn alles andere bezahlt ist: ein Erfrischungsgeld, das niemanden erfrischt.

Anderes Bundesland, andere Preise. Rostock zahlt 45 bis 100 Euro, Neubrandenburg hat eine „Erfahrungszulage“ erfunden – 20 Euro extra für alle, die zum wiederholten Mal mitmachen, als wäre Demokratie ein Bonusprogramm bei der Stadtsparkasse. Wismar verhandelt noch im August. Stralsund ist komplett. Stralsund ist immer komplett.

Wenn keiner mehr will, wird verpflichtet

Die rechtliche Lage ist so deutsch wie das Problem selbst: Falls sich nicht genug Freiwillige melden, „können die Gemeinden Bürgerinnen und Bürger zu dem Ehrenamt verpflichten“, so der NDR unter Berufung auf den Landeswahlleiter. Das klingt dramatisch, ist aber der Verwaltungsnotstand einer Republik, die in Wahljahren so getan hat, als sei die Demokratie ein Selbstläufer. Sie ist es nicht. Sie ist ein Sonntag, an dem 35 Euro ausgezahlt werden, der in diesem Bundesland offenbar niemanden lockt.

Erstmals dürfen in MV 16- und 17-Jährige wählen – und entsprechend auch als Wahlhelfer antreten. Was nach Aufbruch klingt, ist in Wahrheit die Verzweiflungstat einer Verwaltung, die nun auch noch den Jahrgang 2009/2010 an die Urne zerrt, weil der Jahrgang 1970 gerade keine Lust hat. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass am 20. September in jedem Wahllokal wenigstens einer steht, der weiß, wie ein Stimmzettel aussieht.

Schwerin hat noch sieben Wochen Zeit. In Berlin wären das sieben Tage. In Mecklenburg-Vorpommern sind es sieben Wochen – und man sieht dem Land an, dass es das auch so meint.

Foto: planet_fox / Pixabay

Quelle: NDR

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