Gesellschaft

Während die SVZ an ihrer App bastelt: Michael Renker (77) fährt kostenlos durchs Land, um das E-Paper zu retten

Es gibt Geschichten, die muss man sich einfach mal auf der Zunge zergehen lassen: Michael Renker ist 77 Jahre alt, wohnt in Crivitz, und sein Job ist es, durch Mecklenburg-Vorpommern zu fahren, um bei Menschen das E-Paper der Schweriner Volkszeitung wieder zum Laufen zu bringen. Kostenlos. Für die Kunden. Ja, wirklich.

Ein Rentner als letzte Verteidigungslinie der Digitalisierung

Während Verlage in ganz Deutschland damit beschäftigt sind, ihre digitalen Angebote zu „optimieren“, „weiterzuentwickeln“ und „auf eine neue Stufe zu heben“, fährt ein 77-Jähriger durch die Lande und löst das, was die Entwickler nicht hinkriegen. Bei ihm geht es nicht um Abo-Modelle, nicht um Cross-Selling, nicht um datengetriebene Personalisierung. Es geht darum, dass der Kunde seine Zeitung lesen kann. So wie früher. Nur digital.

Wer beim E-Paper nicht weiterkommt, muss nicht verzweifeln. Ein Anruf genügt, und Michael Renker kommt vorbei – mit dem nötigen Wissen, dem nötigen Werkzeug und offenbar der nötigen Geduld. Was er nicht mitbringt: eine Rechnung. Der Service ist kostenlos. In einer Branche, in der selbst die kleinste Funktion hinter einer Paywall sitzt, ist das fast schon subversiv.

In einer Zeit, in der Tech-Giganten Milliarden in Künstliche Intelligenz investieren, ist es ausgerechnet ein Rentner aus Crivitz, der die Digitalisierung in MV tatsächlich beim Endkunden ankommen lässt.

Natürlich wirft das ein paar Fragen auf. Zum Beispiel: Wie kann es sein, dass eine Zeitungs-App so kompliziert ist, dass sie regelmäßig externe Hilfe braucht? Zum Beispiel: Was sagt das über den Zustand der Digitalisierung in einer Region aus, in der ein 77-Jähriger die Support-Abteilung spielt? Und zum Beispiel: Warum ist das keine Schlagzeile in der überregionalen Presse wert?

Klar ist: Michael Renker ist kein Einzelfall. Überall in Mecklenburg-Vorpommern sitzen ältere Menschen, die abends ihre Zeitung lesen wollen – und an einer App scheitern, die so tut, als sei sie für sie gemacht worden. Wer will es ihnen verübeln. Wer will es einem 77-Jährigen verübeln, wenn er einfach anruft und sagt: „Kann mal jemand vorbeikommen?“

Die Lösung der Zukunft sieht offenbar so aus: Die Entwickler sitzen in Hamburg, der Support kommt aus Crivitz, und die Kunden sind die Leidtragenden einer Branche, die ihre Endnutzer längst aus den Augen verloren hat. Danke, Herr Renker. Sie sind der Held, den wir uns nicht ausgesucht haben – aber den wir brauchen.

Foto: SHVETS production / Pexels

Quelle: Nordkurier

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