Ernest Ugwoke Anene kann etwas, das in Schwerin dringend gebraucht wird: den Untergrund lesen, bevor oben wieder so getan wird, als sei Planung eine optionale Freizeitbeschäftigung. Der 37-jährige Geologe aus Nigeria arbeitet seit Juni 2024 bei der GGU – Gesellschaft für Grundbau und Umwelttechnik in Schwerin. Während andere noch über Zuständigkeiten meditieren, schaut er Schichten, Muschelschalen, Bodenproben und Baugrund an und zieht daraus echte Schlüsse. Radikal, fast schon verdächtig. (infrastruktur)
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Aufgewachsen ist Anene in einem Dorf bei Nsukka im Bundesstaat Enugu. Eigentlich wollte er Arzt werden, landete nach knapp verpassten Aufnahmeprüfungen aber in der Geologie. Heute erzählt er anhand von Erde, Kies, Muschelschalen und Magnesium Geschichten über Landschaften, Klima und Tragfähigkeit. Schwerin wiederum erzählt anhand von Schlaglöchern Geschichten über Haushaltsreste, Hoffnung und den deutschen Glauben, dass Absperrbaken irgendwann von allein verschwinden.
200 Bewerbungen, eine Stadt und sehr viel Bodenhaftung
Nach seinem Master in Meeresgeologie in Bremen schrieb Anene mehr als 200 Bewerbungen. Fachlich passte es oft, sprachlich noch nicht. Seit er in Schwerin arbeitet, lernt er weiter Deutsch nach Feierabend. Man muss sich das kurz auf der Zunge zergehen lassen: Da kommt jemand aus Nigeria, macht in Deutschland seinen Master, arbeitet an Bodenproben und am Fehmarnbelt-Tunnel, lernt nach Feierabend weiter – und Schwerin diskutiert vermutlich parallel, ob ein Formular auch als PDF genug Fortschritt ist.
„Wenn einer den Baugrund versteht, sollte man ihn in Schwerin sofort fragen, worauf diese Stadt eigentlich gebaut ist: Granit, Sand oder purer Verwaltungsoptimismus“, sagt ein Anwohner, der seinen Bürgersteig inzwischen als geologisches Langzeitexperiment betrachtet.
Anene prüfte unter anderem beim Fehmarnbelt-Tunnel die Qualität von Erdarbeiten und die Verdichtung des Baugrunds. Jetzt will er Gutachten schreiben und mehr Verantwortung übernehmen. Schwerin mag er wegen Schloss, Schlossgarten und Seen. Beim zugefrorenen Pfaffenteich war er vorsichtig – eine Haltung, die man Teilen der Stadtplanung gern als Pflichtmodul anbieten würde.
Der schönste Satz an dieser Geschichte ist deshalb nicht, dass Schwerin einen Geologen hat. Der schönste Satz ist, dass hier jemand Verantwortung übernehmen will. In einer Landeshauptstadt, in der Verantwortung sonst gern so lange rotiert, bis sie als Tagesordnungspunkt wieder auftaucht, ist das beinahe revolutionär.
Foto: Mikhail Nilov / Pexels
Quelle: Nordkurier
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