Willkommen in Schwerin. Wochenlang streiten wir uns über Radwege und Brötchenpreise. Und dann kommt das hier: Die Traditionelle Kleine Küstenfischerei an der Ostseeküste und in den Boddengewässern Mecklenburg-Vorpommerns ist jetzt offiziell Immaterielles Kulturerbe der UNESCO. Anerkannt in einem feierlichen Akt in unserer Landeshauptstadt. Mit Urkunde und allem. Da steht die Welt dann doch mal kurz still.
Kulturministerin Bettina Martin hat am Dienstag in Schwerin fünf Trägergruppen zur Aufnahme in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes gratuliert. Zusammen mit der Küstenfischerei wurden die Bolzplatzkultur, das Herrenschneiderhandwerk, die Schaustellerkultur auf Volksfesten und die Martinstradition im Rheinland ausgezeichnet. Das klingt erst mal wie ein Versehen. Ist aber keines.
Der entscheidende Satz kam von der Ministerin selbst: „Die Aufnahme in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes ist eine große Wertschätzung und Würdigung für einzelne Kulturbereiche.“ Wertschätzung. Für das Werfen von Fischernetzen von kleinen Booten aus. Aus dem Stand eine etwas entspanntere Definition von Kulturerbe, als man es von Welterbe-Buchstaben erwarten würde.
Kulturerbe an der Küste, bitteschön
Die Küstenfischerei an der Ostsee und in den Bodden ist eine dieser Traditionen, von denen niemand weiß, wie lange es sie wirklich schon gibt. Fischer, die mit ihren kleinen Booten rausfahren, Netze werfen, Heringe, Dorsche, Flundern fangen und abends wieder in den Hafen kommen. Das ist der klassische Stoff, aus dem Heimatfilme gemacht werden, nur heute ohne Udo Jürgens im Hintergrund.
Das Erbe steht trotzdem unter Druck. Die großen Fischereiflotten haben den kleinen Betrieben längst das Wasser abgegraben. Die Fischbestände schwanken, die Preise sind mies, der Nachwuchs wandert aus. Wer heute noch mit dem Netz auf Fang geht, hat meistens einen Zweitjob, einen historischen Humor und sehr viel Geduld mit Papierkram.
Aber genau dafür ist die Anerkennung als Kulturerbe ja da: Nicht das letzte Fischerboot retten, sondern die ganze Branche als relevant markieren. Was man nicht mehr wirtschaftlich begründen kann, das begründen wir jetzt kulturell. So funktioniert Politik.
Wenn schon die Bolzplatzkultur Immaterielles Kulturerbe ist, dann hat die Küstenfischerei den UNESCO-Ritterschlag redlich verdient. Aufnahmequote MV: fünf von fünf. Wirklich innovative Erfindung: Bolzplatz.
Lokale Beobachtung mit leichtem Augenzwinkern
UNESCO schreibt, Ministerin liest, Branche wartet
So eine Urkunde ist vor allem Symbolpolitik. Die fünf Trägergruppen haben jetzt einen Titel, den sie auf ihre Website schreiben können. Auf Plakate. Auf die Seite der Fischerkaten in Ahrenshoop und Wustrow. Auf Visitenkarten in den Räuchereien. Damit allein lässt sich kein Fischverkauf ankurbeln, aber es schiebt wenigstens die Debatte an, was kleine Fischerei eigentlich für die Region bedeutet.
Für die Küste heißt das: Weiter Heringe fangen. Weiter die Preise aufrufen, die Touristen schlucken. Weiter mit EU-Quoten und Naturschutzauflagen kämpfen. Aber jetzt mit dem Bonus einer kulturellen Auszeichnung, die sogar in Berlin auffällt.
Was im Alltag hängenbleibt, ist trotzdem überschaubar. Mehr Fördergeld? Nicht eingeplant. Weniger Bürokratie? Eher nicht. Mehr Kunden? Vielleicht, wenn Reisebüros die Urkunde als Marketingargument benutzen. Was bleibt, ist das gute Gefühl, dass die Fischer jetzt erzählen können, dass ihr Handwerk bei der UNESCO registriert ist. Das allein ist mehr, als die meisten Berufsfelder in Mecklenburg-Vorpommern von sich behaupten können.
Wer in der nächsten Sitzung des Kulturausschusses eine Förderung für die Ostseefischerei fordert, kann jetzt auf die UNESCO-Urkunde verweisen. Ob das hilft? In diesem Land hilft nur, was auf Urkunden steht.
Politische Logik, Landeshauptstadt
Foto: Jeffry Surianto / Pexels
Quelle: Regierung MV
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