Ein Ort mit fast 375 Jahren Geschichte, seit Jahrzehnten der gesellschaftliche Mittelpunkt der Gartenstadt – und heute ein Schandfleck: vernagelte Fenster, verwilderte Grünflächen, Sitex-Platten gegen Vandalismus. Wer heute am Püsserkrug vorbeifährt, sieht Stillstand. Die kommunale Wohnungsgesellschaft Schwerin (WGS) hat das Areal bereits 2019 übernommen, Konzepte erarbeiten lassen, Bebauungsvarianten geprüft. Passiert ist seitdem: nichts.
Die Hoffnung auf einen baldigen Baustart können Anwohner jetzt endgültig begraben. Die Stadtverwaltung hat auf Anfrage der Fraktion Unabhängige Bürger/FDP bestätigt: „Das komplette Quartier wird als Vorratsfläche im Bestand für spätere Entwicklungen gehalten. Konkrete Entwicklungsziele werden in der aktuellen Wirtschaftsplanung nicht verfolgt.“ Übersetzt: Das Projekt liegt auf Eis – und zwar auf unbestimmte Zeit.
Erst Corona, dann Krieg, jetzt einfach kein Geld
Die offiziellen Gründe für den Stillstand lesen sich wie eine Aneinanderreihung von Ausreden. 2022 sei die Umsetzung wegen der Corona-Krise und des Ukraine-Kriegs nicht weiterverfolgt worden, heißt es. Das Eigenkapital der WGS sei stattdessen in die Modernisierung bestehender Wohnungen geflossen. Eine Sanierung sei wirtschaftlich nicht sinnvoll, also: Abriss und Neubau. Klingt konsequent – nur: Gebaut wird bis heute nicht.
Bei einer Sanierung könnten 34 Wohnungen entstehen. Bei einem Neubau bis zu 138. Schwerin braucht jährlich rund 300 neue Wohnungen, sagt das eigene Stadtentwicklungskonzept. Und die WGS lässt das größte innerstädtische Bauland der Gartenstadt einfach liegen. (wohnungsbau)
Erst Berliner Platz, dann vielleicht Püsserkrug
Die WGS hat eine klare Priorität gesetzt: erst das Neubauvorhaben am Berliner Platz in Neu Zippendorf, dann – vielleicht – der Püsserkrug. „Eine Entwicklung wird daher prognostisch nicht vor 2029 erfolgen“, schreibt die Verwaltung. Anschließend drei bis fünf Jahre Bauzeit. Werden beide Zeiträume eingehalten, könnten 2032 die ersten Bewohner einziehen. Werden sie es nicht – wie bisher bei jedem Termin in diesem Verfahren – rollt der Püsserkrug in die nächste Dekade.
Während die Stadt auf den Berliner Platz schaut, verfällt das Püsserkrug-Gebäude weiter. Eine Sanierung kalkuliert die WGS inzwischen mit 6,9 Millionen Euro, ein Neubau mit 9,1 Millionen. Für die komplette Entwicklung des Areals sind mittlerweile 37 Millionen Euro im Gespräch – Fördermittel wurden bisher nicht beantragt. So sieht Schweriner Wohnungspolitik aus, wenn niemand sie kontrolliert.
Fakten im Überblick
- Was war geplant? 138 Wohnungen auf dem Püsserkrug-Gelände in der Gartenstadt
- Wann hätte es losgehen sollen? Ursprünglich nach Übernahme 2019, zuletzt verschoben auf 2022, jetzt auf 2029
- Was sagt die Stadt? Vorratsfläche, keine konkreten Entwicklungsziele in der aktuellen Wirtschaftsplanung
- Was kostet es? Sanierung 6,9 Mio. Euro, Neubau 9,1 Mio. Euro, Gesamtentwicklung ca. 37 Mio. Euro
- Wann ist realistisch mit Bezug zu rechnen? Frühestens 2032, eher später
Foto: Bruno Guerrero / Unsplash
Quelle: Schwerin-Lokal (SNO)
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