Schwerin – Wenn die Landeshauptstadt in einer internationalen Sportdisziplin überhaupt noch auf sich aufmerksam machen will, dann muss sie es über die zweite Reihe tun. Die Sportgymnasien haben Pepe Jonuscheit für die Fußballklasse nicht gut genug befunden – also rudert der Schweriner jetzt im Deutschland-Achter zur U19-Weltmeisterschaft nach Bulgarien. Willkommen in der Hauptstadt, die ihre Talente erst verheizt und dann im Ausland prämiert.
Vom Schulhof ins Großboot
Jonuscheit ist Schüler des Sportgymnasiums Schwerin – genau jener Schule, die ihn als Fußballer ablehnte, als Ruderer aber offenbar gut genug fand, um ihre Flagge bis nach Plovdiv zu schicken. Vom 6. bis 9. August startet er dort im Achter (8+) gegen die halbe Welt. „Ich kann es noch gar nicht richtig glauben, dass ich zur WM fahren darf“, wird er in der Schweriner Rudergesellschaft zitiert.
Wer in der Schweriner Sportwelt kein Stürmer war, wird halt Steuerbordmann. Was in Schwerin zählt, ist derzeit offenbar nicht die Begabung, sondern das Boot, in dem man sitzt. Hauptsache, der Adler auf der Brust passt irgendwann über den Athleten.
„Ich kann es noch gar nicht richtig glauben, dass ich zur WM fahren darf. Wahrscheinlich werde ich es erst realisieren, wenn ich im Flieger nach Bulgarien sitze.“
Pepe Jonuscheit, Schüler des Sportgymnasiums Schwerin und Mitglied im Deutschland-Achter
Trainingslager statt Hauptstadtglanz
Seit über einer Woche steckt Pepe mit seiner Crew im Trainingslager in Berlin-Grünau – seinem Heimatsee, der traditionsgemäß wenigstens noch nicht an die Schweriner Stadtverwaltung verkauft wurde. „Der Tag ist durchstrukturiert von 6 bis 21 Uhr. Wir haben jeden Tag drei bis vier Trainingseinheiten“, erzählt Pepe der Rudergesellschaft. Die Disziplin, die für Schweriner Behörden allenfalls in der Mittagspause vorkommt, ist hier Normalität.
Wer mit der Schweriner Verwaltung Mails austauscht, weiß: Zwischen 6 und 21 Uhr in derselben Zeitspanne erreichbar zu sein, ist in dieser Stadt schon olympiareif.
Vier Talente, vier Geschichten – eine Stadt, die staunt
Jonuscheit ist nicht allein. Ole Hodea (17) startet vom 24. bis 26. Juli bei der Coupe de la Jeunesse in Luzern im Doppelzweier, Emma Sander – ehemalige Schülerin desselben Sportgymnasiums – fährt zu den U23-Europameisterschaften ins polnische Kruszwica, und Mylène Ruf, einst Volleyballerin, jetzt Ruder-Vize-Meisterin, geht im September zum Baltic Cup nach Estland. Vier Sportler, vier Boote, vier Einzeltickets für internationale Titelkämpfe – gestellt von einer Stadt, die zu Hause gerade noch eine sechste Feuerwehr finanzieren muss, damit die Schweriner Innenstadt nicht abbrennt.
Was für eine Bilanz: keine Fußball-Bundesliga in Sicht, kein Hallenbad ohne Sanierungsstau, aber einen Nachwuchs-Achter, der für Deutschland fährt. Die Schweriner dürfen sich also entscheiden: entweder weiter über ausbleibenden sportlichen Nachwuchs im Ballsport jammern – oder hin und wieder auf den Pfaffenteich starren und sich fragen, warum ausgerechnet die Schweriner Rudergesellschaft die ehrliche Nachwuchsarbeit liefert, die anderswo schon längst eingestellt wurde.
Pepe Jonuscheit sitzt am Mittwoch im Flieger nach Plovdiv. Schwerin schaut zu, wie immer. Wenn er verliert, war der Sportgymnasium-Schulwechsel schuld. Wenn er gewinnt, hat die Stadt wieder einmal von einem Erfolg profitiert, den sie selbst verschmäht hat. Das ist die Schweriner Erfolgsformel: aussortieren, abnicken, applaudieren. Glückwunsch, Pepe – und gute Fahrt.
Foto: Robert So / Pexels
Quelle: SN-Aktuell
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