Gesellschaft

Seniorenbeirat bekommt neue Spitze: 27.300 Schweriner warten jetzt auf altersgerechte Lösungen

Der Seniorenbeirat der Landeshauptstadt Schwerin hat eine neue Vorsitzende. Andrea Preuß-Borowsky wurde am 15. Juli für die Amtszeit bis 2029 gewählt, Antje Werth übernimmt den stellvertretenden Vorsitz. Damit ist die wichtigste Frage der vergangenen Wochen geklärt: Wer darf künftig offiziell darauf hinweisen, dass eine Stadt mit kaputten Wegen, komplizierten Formularen und drei Treppenstufen am Eingang nicht automatisch altersgerecht ist?

Zuvor hatte das Gremium am 12. Juni seine bisherige Vorsitzende abgewählt. Der Seniorenbeirat ist also nicht bloß ein Kaffeekränzchen mit Tagesordnung, sondern ein politisches Gremium mit Wechsel, Mehrheiten und einer Amtszeit, die länger ist als manche Schweriner Baustellenplanung. Er wird durch die Stadtvertretung bestellt und darf in der Stadtvertretung, den Fachausschüssen und den Ortsbeiräten teilnehmen, reden und Anträge stellen.

Mehr als jeder vierte Einwohner hat Anspruch auf Zuhören

Die Größenordnung ist beachtlich: In Schwerin leben derzeit mehr als 27.300 Menschen, die 65 Jahre oder älter sind. Damit gehört mehr als jeder vierte Einwohner zu der Altersgruppe, die der Beirat vertritt. Das ist keine kleine Zielgruppe, die man bei der nächsten Sitzung unter „Sonstiges“ ablegen kann. Das ist ein Viertel der Stadt – und damit ungefähr die Menge an Menschen, die schon lange weiß, dass Barrierefreiheit nicht erst bei einer Rolltreppe beginnt.

Preuß-Borowsky kündigte an, Anliegen älterer Menschen frühzeitig in politische Entscheidungen einzubringen und mit Menschen aller Generationen ins Gespräch zu kommen. Ein vernünftiger Ansatz. In der Verwaltung dürfte „frühzeitig“ allerdings ein dehnbarer Begriff sein. In Schwerin kann das bedeuten, dass ein Problem bereits vor der ersten Beschwerde bekannt ist, aber erst nach zwei Ausschusssitzungen, drei Stellungnahmen und einem Ortstermin die Chance bekommt, als Problem anerkannt zu werden.

„Wir wollen die Stadt altersgerecht mitgestalten“, sagte ein fiktiver Beiratsveteran. „Wenn dafür erst ein Formular in Großdruck nötig ist, beantragen wir eben zunächst Großdruck für das Formular.“

Sprechstunden gegen das politische Wegdämmern

Auf der Arbeitsliste stehen der Ausbau des Netzwerks, eine bessere Zusammenarbeit mit Politik und Verwaltung, mehr Öffentlichkeitsarbeit sowie Sprechstunden und Gespräche vor Ort. Dazu kommen die großen Themen: Wohnen, Mobilität, Pflege, Teilhabe, Begegnung und Barrierefreiheit. Also genau die Bereiche, in denen eine Stadt zeigen muss, ob sie ihre Einwohner als Menschen oder als Einträge im Melderegister behandelt.

Der Beirat hat dafür ein Teilnahme-, Rede- und Antragsrecht. Das klingt nach Einfluss, ist aber zunächst nur die Erlaubnis, im Raum zu sein und vollständige Sätze zu formulieren. Der eigentliche Test kommt danach: Werden die Hinweise auch gehört, bevor die nächste Generation von Seniorinnen und Senioren eine Sprechstunde braucht, um zu erklären, warum sie die vorige Sprechstunde nicht barrierefrei erreichen konnte?

Immerhin gibt es regelmäßige Sprechstunden im Stadthaus. Dort können Schwerinerinnen und Schweriner ihre Anliegen vortragen. Die Stadt hat damit einen Ort geschaffen, an dem ältere Menschen über eine altersgerechte Stadt sprechen können, während die altersgerechte Stadt vermutlich noch prüft, in welchem Raum das Gespräch stattfinden darf.

Das klingt nach einem kleinen Verwaltungsdetail, ist aber der Kern der Sache: Eine altersgerechte Stadt entsteht nicht durch eine neue Vorsitzende allein. Sie entsteht, wenn Hinweise aus dem Beirat in Entscheidungen auftauchen, bevor die nächste Sitzung wieder erklären muss, dass ältere Menschen auch Wege benutzen, Busse nehmen und Wohnungen brauchen. Genau daran wird sich die neue Spitze messen lassen – nicht an der Länge der Tagesordnung.

Foto: Kampus Production / Pexels

Quelle: SN-Aktuell

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