Politik

Schwesig erklärt die Gastronomie zur „Visitenkarte“ des Landes – in Schwerin gibt’s nur noch Visitenkarten ohne Lokal dahinter

Schwerin – Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) hat am Dienstag auf dem Campus in der Weststadt den Food Truck des Projekts „Gastro Burner“ besucht und der Gastronomie in Mecklenburg-Vorpommern eine ungewöhnliche politische Würde verliehen. „Gute Gastronomie ist die Visitenkarte unseres Landes, ebenso wichtig wie das Meer oder unsere schönen Städte“, erklärte die Regierungschefin. Eine starke Aussage – aufgestellt ausgerechnet in einer Landeshauptstadt, in der die Innenstädte zunehmend genau das nicht mehr sind: schön und gut bestückt.

Der Food Truck, der die Gastro retten soll

Seit 2019 tourt der Wagen des DEHOGA Mecklenburg-Vorpommern über Schulhöfe und Ausbildungsstätten. Ziel: Jugendliche für Ausbildungsberufe im Gastgewerbe begeistern. 55.000 Menschen arbeiten laut Schwesig in MV in der Branche, davon rund 1.500 Auszubildende. Klingt nach viel. Ist es auch – relativ zur Landeskarte. Was die Ministerpräsidentin allerdings nicht dazusagt: Der „Gastro Burner“ wird mit 900.000 Euro aus der Landeskasse für die Jahre 2024 bis 2026 gefördert, und das soll nach ihrem Eindruck auch 2027 so weitergehen. Eine Million Euro für einen marketingtauglichen Truck. Was die echten Wirte der Hauptstadt mit diesem Geld anfangen sollen, die nach drei Jahren Pandemie, Energiekrise und explodierenden Lebensmittelpreisen reihenweise schließen, blieb offen.

„In Schwerin sieht man es ja: Hier ist Visitenkarte, dort Visitenkarte. Bloß die Lokale dazwischen, die fehlen langsam. Aber Hauptsache, der Food Truck surrt.“

— zugespitzte Wahrnehmung eines erfundenen Schweriner Gastronomiebeobachters

Eine Hauptstadt, die ihre Visitenkarte nicht mehr zeigt

Während Schwesig in der Weststadt das Gastgewerbe als touristisches Aushängeschild preist, kämpfen die Reste der Schweriner Gastro-Szene mit einer Miet-, Personal- und Kostenlage, die ihnen jede Steilvorlage der Landespolitik wieder kaputt macht. Brötchen für 4,50 Euro, Restaurants, die nur Donnerstag bis Samstag öffnen, geschlossene Innenstadtlagen, leerstehende Ladenlokale – zuletzt traf es das Mama Chocolate. All das soll das 900.000-Euro-Symbolprojekt laut Schwesig „hervorragend“ ausgleichen, indem es Schülerinnen und Schüler in Ausbildungsberufe zieht. Wer dann aber nach der Ausbildung ein Restaurant führen will, sucht in Schwerin bald Mietsicherheit, Personal und ökonomische Verlässlichkeit – alles Mangelware.

Die Landesregierung selbst gibt zu, dass die Anschlussfinanzierung kommen soll. 900.000 Euro für einen Truck, der aufsucht, statt zu bleiben. Kein Cent für Mietdeckel, keine Idee für entlastete Mehrwertsteuer, kein Konzept gegen das Gastro-Sterben mitten in der Landeshauptstadt, deren Cafés und Kneipen längst das Etikett „Visitenkarte“ verdient hätten – nicht umgekehrt.

Schwerin als Beweisstück fürs Gegenteil

Was bleibt, ist ein Termin im Bild, ein Food Truck für die Schüler und ein Satz, der auf jeder Pressekonferenz funktioniert: Gastronomie ist Visitenkarte. Das Problem ist nur, dass eine Visitenkarte dem Empfänger sagt, wer man ist. Wenn die echten Briefkästen in Schwerin aber nur noch Schließbetriebs-Anzeigen enthalten, dann überzeugt das schönste Kartenmaterial nicht.

„Visitenkarte ist gut. Dann macht mal die Tür auf, hinter der sie hängen soll – in Schwerin steht da längst ein Leerstand drin.“

— zugespitzte Reaktion einer fiktiven Schweriner Marktwirtin

Wenn das Land 900.000 Euro in eine rollende Werbeaktion für die Ausbildung steckt, darf es sich fragen lassen, warum es gleichzeitig die echte Ausbildungslage in den Innenstädten so hart im Regen stehen lässt. Vielleicht hilft es ja, wenn der Truck im nächsten Jahr einfach mal auf dem Marienplatz steht – zwischen den leeren Schaufenstern, die das Land eigentlich zu seinen Stärken zählt.

Foto: Kurtkaiser / Wikimedia Commons / CC0

Quelle: Regierung Mecklenburg-Vorpommern

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