Man stelle sich vor: Am Robert-Stock-Gymnasium im mecklenburgischen Hagenow bestehen 18 von 51 zugelassenen Schülerinnen und Schülern ihr Abitur nicht. Das ist eine Durchfallquote von mehr als 35 Prozent. Eine Schülerin – die 18-jährige Ellenor Bockentin – sagt bei der Zeugnisübergabe in einer Wutrede ins Mikrofon: „An die, die unserem Jahrgang die Durchfallquote gönnen – ganz ehrlich: F*** euch einfach nur alle!“ Das Video geht viral, bundesweit. Und das zuständige Staatliche Schulamt Schwerin reagiert. Nicht auf das Versagen. Auf die Wutrede.
Mehr zum Thema: Zollhochschule aus Holzklötzen: Lars Klingbeil weiht Europas größte Lego-Beamtenburg in Rostock ein
Wie der NDR berichtet, hat die Schulaufsicht jetzt eine „erhöhte Zahl nicht bestandener Abiturprüfungen“ bestätigt – und gleichzeitig klargestellt, dass die Rede der Schülerin „Beschimpfungen und Verunglimpfungen“ enthalte, die „dem Umstand geschuldet“ seien, dass sie selbst nicht bestanden habe. Mit anderen Worten: Wer bei 35 Prozent Durchfallquote den Mund aufmacht, ist selber schuld. Punkt.
Schwerin verwaltet Hagenow – und übersieht 18 Abiturienten
Was an dieser Geschichte besonders schwerin-tief ist: Das zuständige Schulamt sitzt nicht in Hagenow, nicht in Ludwigslust, nicht in Schwerin vor Ort – sondern in der Landeshauptstadt selbst. Staatliches Schulamt Schwerin. Dieselbe Behörde, die in Hagenow überprüft, ob die Lehrer pünktlich ihre Stundenpläne einhalten, hat es offenbar geschafft, eine Durchfallquote von über einem Drittel zu übersehen – bis eine 18-Jährige laut wurde. Das ist nicht Aufsicht. Das ist Wegsehen mit Briefmarke.
„35 Prozent fallen durch, und die Aufsicht redet über die Ausdrucksweise der Betroffenen. Das ist, als würde die Feuerwehr nach einem Hausbrand eine Pressekonferenz zum Fluchtweg der Nachbarn halten.“
Ein fiktiver Vater aus Hagenow, dessen Tochter ebenfalls durchfiel, brachte die Stimmung auf dem Schulhof am Tag nach der Wutrede auf den Punkt. Er möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen – verständlicherweise, denn Schwerins Schulamt versteht bekanntlich wenig Spaß, wenn Beschimpfungen „dem Umstand geschuldet“ sind.
Landeselternrat fordert Aufklärung – Schulamt fordert Manieren
Währenddessen hat der Landeselternrat Aufklärung gefordert. Eine berechtigte Forderung. Was haben die Prüfungen mit dem Vorjahr zu tun? Wer hat die Aufgaben gestellt? Welche Rolle spielen vorbereitende Kurse, welche die Lehrerversorgung? Warum sind ausgerechnet an diesem Gymnasium so viele Schülerinnen und Schüler gescheitert? All das sind Fragen, die ein Schulamt, das seinen Namen verdient, zuerst beantwortet – bevor es die Wortwahl einer enttäuschten Abiturientin seziert. (schule)
Doch Schwerin setzt lieber auf Etikette. Die Reaktion liest sich wie eine Mischung aus Beschwichtigung und Genervtsein: Man bedaure die „Beschimpfungen“, bedaure aber natürlich auch das „persönliche Schicksal“ der Schülerin, bedaure überhaupt alles, was sich in Pressemitteilungen gut macht – nur die Ursache des Versagens nicht. 18 von 51. Ein Drittel. In einem einzigen Jahrgang. An einem einzigen Gymnasium. Verantwortlich: Schwerin.
Landeshauptstadt der tauben Ohren
Was bleibt am Ende? Eine Schülerin, die den Mund aufgemacht hat, weil ihr die Worte fehlten – und die jetzt bundesweit als die „F-Wort-Schülerin“ durchs Netz gejagt wird, während das Schulamt Schwerin die empörte Behörde gibt. Der Landeselternrat fordert Aufklärung, das Schulamt fordert Contenance. Ellenor Bockentin fordert niemand etwas – sie hat ihr Abitur nicht, einen viralen Moment, und eine Behörde, die ihre Wut für wichtiger hält als ihre Noten.
Es wäre gut, wenn das Schweriner Schulamt jetzt nicht über die Wortwahl der Schülerin redet, sondern über die 18 nicht bestandenen Abiturprüfungen. Über den Stoff. Über die Lehrerversorgung. Über die Frage, warum ausgerechnet an diesem Gymnasium ein Drittel durchfällt – und was die Aufsicht, die das hätte verhindern müssen, eigentlich die letzten Monate getrieben hat. Außer Beileids-Pressemitteilungen zu formulieren.
Foto: Tmv23 / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0
Quelle: NDR
Schwerin ist Geil auf WhatsApp
Tägliche Satire-News direkt aufs Handy. Kein Spam, nur Geilheit.
Jetzt Kanal abonnierenKostenlos · Kein Gruppenchat · Jederzeit abbestellbar
