Schwerin hat einen Mann, der fast jede Kneipe der Stadt kennt. Das ist praktisch, denn bei manchen muss inzwischen ein Historiker erklären, wo sie einmal standen. Hans-Joachim Falk sammelt die Geschichten verschwundener Restaurants, Tanzlokale und Cafés. Damit bewahrt er ein Stück Stadtleben aus einer Zeit, in der die Bürgersteige nicht schon kurz nach dem Abendbrot hochgeklappt wurden.
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Vor zehn Jahren veröffentlichte Falk das Buch „Zu regem Besuch ladet höflichst ein – Geschichte der Schweriner Gastronomie“. Die 12.000 Exemplare waren schnell vergriffen. Zwölftausend Bücher über alte Kneipen in einer Stadt, die abends gern so still wird, dass man den eigenen Heimweg hören kann. Mehr Nachfrage nach Schweriner Nachtleben war vermutlich lange nicht.
„Es gab früher viel mehr Kneipen, und die hatten lange auf.“
Hans-Joachim Falk im Nordkurier
Als die Eckkneipe noch das soziale Netzwerk war
Falk erzählt vom Tanzlokal Resi am Markt, das nach der Wende schloss, vom Ausflugslokal „Zur Fähre“ in Mueß und vom Café Prag. Letzteres hieß früher Konditorei Krefft, stellte eigenes Marzipan her und belieferte sogar den Herzog mit Kuchen und Torten. Während der DDR-Zeit war es laut Falk außerdem die einzige Schweriner Gaststätte mit tschechischem Bier. Heute würde dafür wahrscheinlich erst ein Markenworkshop angesetzt. Damals reichte offenbar ein Fass.
Der Hoflieferanten-Titel war damals ein echtes Gütesiegel und musste immer wieder neu verdient werden. Ein bemerkenswert modernes Prinzip: Qualität wurde geprüft, statt nur behauptet. Wer den Titel trug, brauchte kaum Werbung. Heute bekommt jedes mittelmäßige Getränk drei Adjektive, eine Herkunftsgeschichte und ein Logo in Handschrift. Der Herzog hätte vermutlich trotzdem einfach gefragt, ob der Kuchen schmeckt.
Nachts ist Schwerin wieder ganz bei sich
Falk beschreibt den Unterschied ohne romantischen Zuckerguss. Früher gab es mehr Kneipen und längere Öffnungszeiten. Wer wissen wollte, was in der Stadt los war, ging raus. Heute ist Schwerin herausgeputzt, Cafés und Bistros gibt es reichlich. Nach Sonnenuntergang wird es trotzdem schnell ruhig. Urlauber wundern sich, Einheimische kennen das Ritual. Willkommen in der Landeshauptstadt: UNESCO am Tag, akustische Denkmalpflege am Abend.
Ganz verschwunden ist die Schweriner Wirtshauskultur natürlich nicht. Das Gasthaus zur Guten Quelle gibt es weiterhin, ebenso das historische Weinhaus Wöhler. Falk führt Gäste noch heute durch die Stadt und hat 15 verschiedene Touren im Repertoire. Bei der „Kleinen Kneipenplauderei“ geht es mit Wein und Schnaps von einem Traditionshaus zum nächsten. Gedacht war die Führung ursprünglich für Schweriner. Gebucht wird sie laut Falk vor allem von Touristen. Die Einheimischen wissen vermutlich längst, dass man für eine lebendige Kneipentour zuerst die Geschichte braucht.
Vortragsreihe statt letzter Runde
Ab dem 25. August erzählt Falk im Nachbarschaftstreff „Nebenan“ in der Lessingstraße in vier Teilen über die Geschichte der Schweriner Gastronomie und Hotellerie. Die weiteren Termine sind am 29. September, 27. Oktober und 24. November. Seine Vorträge wuchsen nach eigenen Angaben von 20 auf zuletzt 45 Gäste. Selbst die neue Genussführung auf den Spuren der Hoflieferanten war schon Tage vorher ausgebucht.
Das Interesse ist also da. Vielleicht fehlt Schwerin nicht die Lust auf Kneipenkultur, sondern nur die Kneipenkultur, die mit dieser Lust Schritt hält. Falk hält der Stadt jedenfalls ein sehr unterhaltsames Archiv vor die Nase. Darin sieht man, was Schwerin einmal konnte: lange Abende, volle Lokale und Geschichten, die nicht erst im Ausschuss genehmigt werden mussten. Wenn das Nachtleben schon zum Museum wird, hat es wenigstens einen verdammt guten Museumsführer.
Foto: Klaus Bärwinkel / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Quelle: Nordkurier
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