Infrastruktur

Schwerins erste Fahrradstraße kostet 78 Parkplätze: Radfahrer bekommen Asphalt, Anwohner Entzug

Schwerin bekommt seine erste offizielle Fahrradstraße. Dafür wird die Mecklenburgstraße zwischen Geschwister-Scholl-Straße und Graf-Schack-Allee grundlegend umgebaut. Von bislang rund 150 Parkplätzen sollen danach nur noch 72 übrig bleiben. Die Stadt fördert den Radverkehr also mit einer bewährten Methode: Sie nimmt Autofahrern etwas weg und nennt den anschließenden Streit Beteiligungskultur.

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Der Baubeginn ist für Oktober 2026 vorgesehen, fertig werden soll das Projekt Mitte 2027. Es geht nicht nur um ein paar Schilder und Farbe auf dem Asphalt. Die Maßnahme umfasst zwölf Teilbereiche und reicht tief unter die Straße. Fahrbahn, Kanäle, Fernwärme, Gasleitungen, Stromnetze und Telekommunikationsrohre sollen angefasst werden. Schwerin baut damit keine Fahrradstraße, sondern öffnet vorsichtshalber gleich den gesamten Untergrund.

Von ehemals rund 150 Kfz-Stellplätzen sollen nach dem Umbau noch 72 übrig bleiben.

Planungsstand laut schwerin.news

Zwölf Bauabschnitte für eine Straße mit weniger Autos

Die Ausschreibung verlangt spezialisierte Unternehmen für Kanalbau, Schweißarbeiten und Kabelmontage. Das ergibt technisch Sinn, zeigt aber auch die Dimension des Projekts. Wer im Oktober nur eine Baustelle für Fahrräder erwartet, bekommt stattdessen die kommunale Vollversion: Absperrungen, Tiefbau, Leitungsarbeiten und vermutlich mindestens einen überraschend wiederentdeckten Kabelplan aus einer Epoche, in der Digitalisierung noch bedeutete, eine Akte mit zwei Fingern umzublättern.

Das Konzept einer optimierten Fahrradstraße soll den Radverkehr aufwerten und den motorisierten Verkehr zurückdrängen. Künftig wird überwiegend nur noch auf einer Straßenseite geparkt. Auf der anderen Seite sind Abstellanlagen für Lastenräder, zusätzliche Fahrradbügel und Fahrradhäuser für Anwohner vorgesehen. Der öffentliche Raum wird also neu verteilt. Das ist verkehrspolitisch konsequent, aber für Menschen mit Auto ungefähr so gemütlich wie eine Mieterhöhung mit beigefügtem Mobilitätsratgeber.

78 Stellplätze verschwinden nicht, sie werden nur Verkehrswende

Die entscheidende Zahl bleibt 78. So viele Stellplätze fallen nach aktuellem Plan weg. Für eine Innenstadtstraße ist das kein Detail, sondern der Punkt, an dem aus einem Radverkehrsprojekt zuverlässig ein Nachbarschaftskrieg wird. Die Stadt muss deshalb klar erklären, welche Alternativen bestehen, wie Lieferverkehr funktioniert und wo Menschen parken sollen, die nicht plötzlich Lastenradbesitzer werden möchten.

Gleichzeitig wäre es zu billig, jede Veränderung am Parkraum als Anschlag auf die Zivilisation zu behandeln. Eine Fahrradstraße funktioniert nur, wenn Fahrräder dort tatsächlich Vorrang und Platz bekommen. Wer 150 Stellplätze unangetastet lässt, baut am Ende keine Fahrradstraße, sondern hängt ein Schild an dieselbe alte Autostraße. Schwerin entscheidet sich hier immerhin für einen echten Umbau statt für kommunale Symbolkosmetik. (stadtplanung)

Der Zeitplan ist ambitioniert – also typisch Schwerin

Von Oktober 2026 bis Mitte 2027 sollen Straßenbau und Versorgungsarbeiten abgeschlossen sein. Bei zwölf Teilbereichen und mehreren Leitungssystemen ist das sportlich. In Schwerin werden Bauzeiten gern so geplant, als gäbe es weder Winter noch Überraschungen im Boden. Danach kommt der Winter, danach die Überraschung im Boden und anschließend eine Pressemitteilung über nicht vorhersehbare Verzögerungen.

Trotzdem ist die Richtung richtig. Die Mecklenburgstraße braucht mehr als neue Markierungen, wenn Radverkehr sicherer und attraktiver werden soll. Entscheidend wird sein, ob die Stadt den Umbau sauber organisiert und den Anwohnern mehr bietet als den freundlichen Hinweis, dass ein Fahrradbügel ebenfalls eine Form von Infrastruktur ist. Schwerin bekommt seine erste Fahrradstraße. Jetzt muss nur noch verhindert werden, dass sie gleichzeitig zur längsten Parkplatzsuche der Landeshauptstadt wird.

Foto: Aliaksei Lepik / Pexels

Quelle: schwerin.news

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