Eine Fähre, die 102 Jahre alt ist, kein TÜV, kein Motor – klingt nach dem letzten fahrtüchtigen Fahrzeug in Schwerin. Tatsächlich steht das gute Stück einfach nur rum und wartet. Worauf, weiß niemand so genau. Auf einen Investor? Auf Ersatzteile? Auf ein Wunder? Die Schweriner Verkehrsplanung kennt das Gefühl.
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Ein Denkmal, das keiner bestellt hat
Was einmal als Verkehrsmittel gedacht war, ist heute eher ein schwimmendes Denkmal. Die Fähre steht – wie sich das für Schwerin gehört – seit Monaten still, und niemand fühlt sich zuständig. Der Eigenbetrieb verweist auf die Stadt, die Stadt auf das Land, das Land auf irgendeinen Fördertopf, der angeblich irgendwann nachgefüllt wird. Klassisch Schwerin.
Wir bedauern die aktuelle Situation. Eine Lösung wird im Rahmen der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel angestrebt.
Das ist die offizielle Stellungnahme. Auf Schwerinerisch bedeutet das: „Passiert nichts.“ Wer in Schwerin lebt, kennt diese Sprachmelodie. Sie klingt wie ein Schwimmbecken im Sommer – oberflächlich ruhig, drunter nichts los.
Touristen lieben es, Einheimische auch
Unterdessen schauen Touristen, die extra nach Schwerin kommen, um die Seen zu erleben, irritiert auf das rostige Etwas im Wasser. Ein älterer Herr aus Bayern sagt: „Bei uns in Prien fährt die Fähre seit 50 Jahren. Die sieht aus wie neu.“ Eine Schwerinerin, die am Ufer ihren Hund Gassi führt, zuckt die Schultern: „Wir sind das so gewohnt. Liegt hier halt rum. Passt zur Stadt.“
Eine Spaziergängerin auf der gegenüberliegenden Seeseite fragt: „Ist das die Fähre, mit der man rüberkommt?“ – „Nee, das ist Deko.“ – „Seit wann?“ – „Ach, schon ewig.“ So geht das in Schwerin seit Jahrzehnten. Man gewöhnt sich.
Während andere Städte Fähren kaufen, wartet Schwerin auf den Schrottplatz
Konstanz hat eine Fähre, die täglich pendelt. Hamburgs HADAG bringt Leute über die Elbe. Zürich hat ein komplettes Fährnetz. Und Schwerin? Schwerin wartet. Auf den nächsten Förderantrag. Auf den nächsten Sommer. Auf den nächsten Bericht der Verwaltung, der feststellt, dass nichts geht.
Die Ironie: Schwerin ist eine Stadt der Seen. Wasser ist überall. Man könnte das Wasser nutzen. Man könnte Fähren bauen, Boote kaufen, Linien einrichten. Stattdessen wartet man auf ein 102 Jahre altes Wrack, das nie wieder fahren wird. Schwerin bleibt Schwerin.
Vielleicht ist genau das der Punkt
Vielleicht will Schwerin auch gar keine Fähre. Vielleicht passt die stehende Fähre besser zur Stadt als jede funktionierende. Sie ist ehrlich. Sie ist unbeweglich. Sie ist 102 Jahre alt und macht trotzdem nichts mehr. Das ist das Schweriner Lebensgefühl in einem Bild: einmal in Bewegung gewesen, irgendwann stehen geblieben, nie wieder aufgefallen.
Foto: Wolfgang Sauber / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0
Quelle: Ostsee-Zeitung
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