Schwerin. Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern. Der Fernsehturm steht 136 Meter hoch, wird nicht mehr für Fernsehen genutzt und ist trotzdem das Wahrzeichen der Stadt, an dem sich ab Samstag die Schweriner treffen werden – nicht um zu senden, sondern um zu handeln. Auf dem Spätiflohmarkt am Fernsehturm. Von 16 bis 22 Uhr. Auf Wiesen, an einer Promenade, an einem Kiosk. Wer nach 16 Uhr aufstehen will, ist genau richtig. Wer gar nicht erst ins Bett geht, auch.
„Auf den Wiesen, an der Promenade und am Kiosk“, heißt es in der offiziellen Mitteilung. Was fehlt: ein zweiter Kiosk. Und die Ernsthaftigkeit, mit der man so etwas ankündigt.
Der höchste Flohmarkt Mecklenburgs
Was im Quartier63 nicht alles stehen wird. Schränke aus Plattenbau-Auflösungen, Schüssel-Service aus Erbschaftsteuer-Anlässen, Kinderbücher, deren Titel kein Kind mehr lesen will, und mindestens ein Satz Winterreifen, dessen Profil so abgefahren ist wie das Image der Stadt. Für sechs Stunden verwandelt sich das Stadtviertel in das, was der Schweriner Wirtschaftsförderung in jedem Quartalsbericht ankündigt – bloß realer. Konjunktur durch Privatinitiative. Wirtschaft zum Anfassen. Auf Decken.
Die Idee, unter dem Fernsehturm zu handeln, hat durchaus Symbolkraft. Das Ding steht seit Jahrzehnten, sendet nichts mehr, sieht aus wie eine Mischung aus Leuchtturm und Beobachtungsposten – und nun versammeln sich die Schweriner darunter, um sich gegenseitig die Schränke abzukaufen. Der einstige Träger des öffentlich-rechtlichen Fernsehens dient jetzt als Stütze für den privatrechtlichen Trödel. Es ist, als hätte das Ding seine wahre Berufung gefunden.
Wenn das Landespolizeiorchester aufspielt
Abends dann: das Landespolizeiorchester. Die Polizei – also die, die sonst den Verkehr regelt und gelegentlich Geschwindigkeitsüberschreitungen auf der B 106 ahnden muss – gibt ein Konzert. Was sie spielen werden, ist nicht überliefert. Es könnte Marschmusik sein. Es könnte Filmmusik sein. Es könnte auch einfach nur das sein, was die Schweriner seit Jahren von ihrer Stadtverwaltung gewohnt sind: ein Auftritt, der nichts auflöst, aber allen Beteiligten das Gefühl gibt, irgendwas sei getan worden.
Anwohnerin Margit Vollmer (68), die ihren Sonntagsbrötchen-Vorrat gegen eine Heizdecke tauschen will, sagt: „Ich bringe mein altes Service mit. Vier Tassen, vier Untertassen, ein Wasserkrug. Wer nimmt, nimmt. Wer nicht nimmt, lässt stehen.“ Ihr Mann ergänzt: „Und abends trinken wir dann einen Kaffee und hören dem Orchester zu. Schwerin hat seine schönsten Momente, wenn man aufhört, es mit anderen Städten zu vergleichen.“
Andere, jüngere Schweriner werden vermutlich mit Inline-Skates erscheinen, mit Bluetooth-Boxen und einer grundsätzlichen Erwartungshaltung, die zwischen „früh aufstehen“ und „möglichst nichts verpassen“ liegt. Die Veranstalter rechnen mit mehreren Hundert Besuchern. Was heißt schon „mehrere“? In Schwerin gilt jeder zweite Schweriner irgendwann als „, mehrere „. Es ist eine Gewissheit.
Schwerin feiert das Verkaufen
Der Eintritt ist frei. Das Parken ist – wie immer – Glückssache. Wer die Anreise mit dem Auto wagt, sollte vor Mitternacht wieder weg sein, sonst trifft er das Landespolizeiorchester in der letzten Pause. Wer mit dem Fahrrad kommt, parkt direkt unter dem Turm. Wer zu Fuß kommt, wird ohnehin erkannt – Schwerin ist 96.000 Einwohner klein, und an einem Samstag im Juli ist jeder dritte Bürger auf den Beinen. Auch wenn er nichts zu verkaufen hat.
Die Veranstalter versprechen eine Mischung aus „Stöbern, Feilschen und Klönen“. Schwerin hat selten ein Versprechen gehalten, das schöner klang. Und wer am Ende des Abends mit einem Satz Teller und einer neuen Nachbarin nach Hause geht, hat mehr gewonnen, als die meisten stadtpolitischen Sitzungen des letzten Quartals hergegeben haben.
Foto: Hartmut Leu / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 de
Quelle: schwerin.news
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