Wer in Schwerin ein Café eröffnet, sollte besser kein Gebäck backen. Sonst riechen die Nachbarn die Zimtschnecke und der Mietvertrag ist Geschichte. Genau das soll jetzt dem A.B. Coffee in der Schlossstraße 23 passiert sein, wie die Ostsee-Zeitung berichtet. Der Mietvertrag wurde gekündigt. Auslöser: ein jahrelanger Nachbarschaftsstreit, bei dem am Ende Gerüche aus der Küche und eine Ohrfeige eine Rolle spielen.
Man darf sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen. Wir reden von einem Café. Dem Ort, dessen Existenzberechtigung darin besteht, Düfte zu produzieren. Kaffee, Kuchen, Croissants, vielleicht ein warmer Apfelstrudel im November. Wer in Schwerin ein Café aufmacht und dann Ärger mit dem Vermieter bekommt, weil aus der Küche Essen riecht, der hat im Grunde genommen ein Immobilien-Rätsel ersten Ranges gelöst.
Wenn der Kuchenduft zur Lärmbelästigung wird
Ein langer Nachbarschaftsstreit, heißt es. Eine Ohrfeige fiel offenbar auch. Was das mit Kuchengeruch zu tun hat, weiß nur die Schlossstraße. Vielleicht ist es das ewige Schweriner Grundmuster: Wer zwei Schritte aus der eigenen Wohnung tritt, ist schon Teil eines interaktiven Soziotops, das mit Bayern, Sachsen und der Toskana gleichzeitig im Clinch liegt. Wer in Schwerin in einer Mietshaus-Etage wohnt, lebt in einer Dauerausstellung für friedliche Koexistenz — und die Ausstellung wird regelmäßig umgebaut.
Was bleibt, ist ein weiteres loses Ende in einer Innenstadt, die ohnehin mehr Schaufenster als Laufkundschaft hat. Die Schlossstraße ist nicht die Lübecker Hüxstraße. Die Leute, die dort Eis essen, sind meist dieselben, die vorher schon im Schloss waren. Wenn das A.B. Coffee schließt, geht es nicht um eine Kette, die woanders eine Filiale aufmacht. Es geht um ein schwerin-spezifisches Café, in dem Stammkunden ihren Namen gesagt bekommen, bevor sie bestellen.
Es gibt zwei Sorten von Nachbarschaftsstreit in Schwerin: Die einen werden mit dem Vermieter ausgetragen. Die anderen werden von Schwerin mit allen Mietern ausgetragen.
Wer in Schwerin ein Café will, muss Mandelsahne anbieten
Die Ironie ist, dass Schwerin sich seit Jahren wünscht, mehr Gastronomie, mehr Urbanität, mehr Leute auf den Straßen zu haben. Citymanager, Stadtmarketing, Wirtschaftsförderung — alle kriegen das nicht hin. Und dann gibt es einen Café-Betreiber, der es schafft, jahrelang Kuchen in einer Stadt zu backen, die angeblich auf Tourismus und Stadtleben setzt. Belohnt wird er mit einer Kündigung.
Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus der Geschichte. Wenn du in Schwerin ein Café eröffnen willst, dann rieche selbst nichts. Kein Kaffee, keine Mandelsahne, kein warmes Baguette. Nur kaltes Licht, kalte Theke, kaltes Wasser aus der Leitung. Und wenn du Glück hast, schreibt die Stadtmarketing GmbH dir hinterher einen netten Brief mit dem Satz: „Schwerin ist geil.“
Bis dahin riecht es in der Schlossstraße 23 nur noch nach frischer Tapete. Und nach dem leisen Geständnis einer Stadt, die ihre eigenen Cafés nicht aushält.
Foto: Tim Mossholder / Unsplash
Quelle: Ostsee-Zeitung
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