Schwerin hat jetzt einen Exportschlager – und es ist nicht Spargel, nicht Marzipan und auch kein Schloss-Foto für den Touristen. Es ist ein Mann mit Pfeife und gelber Karte: Bastian Dankert aus Mecklenburg-Vorpommern wird am Sonntag als Videoschiedsrichter das WM-Endspiel begleiten – und damit auf dem Höhepunkt seiner bisherigen Laufbahn stehen.
Für Schwerin eine ausgewachsene Sensation. Nicht weil der Mann in der Stadtverwaltung arbeitet – sondern weil ausgerechnet ein Schweriner bei einem Weltereignis die letzte Entscheidung trifft, ob Neymar weinend vom Platz humpelt oder nicht. Wer Schwerin kennt, weiß: Hier wird nicht gepustet, hier wird geblasen.
Vom Bolzplatz zur Weltspitze
Dankert ist in Schwerin aufgewachsen, hat das Sportgymnasium besucht und war jahrelang als Schiedsrichter in der Verbandsliga aktiv. Eine klassische Karriere mit Provinz-Charakter. „Ich hab daheim in der Schlossstraße angefangen – da sind die Eltern am Spielfeldrand stehen geblieben, nicht die Spieler“, erinnert sich Dankert im NDR-Nordmagazin. „Wenn du in Schwerin pfeifst, lernst du, mit Beschwerden zu leben. Das hilft später enorm.“
Was als Bericht über „eine Laufbahn mit Provinz-Charakter“ daherkommt, ist in Wahrheit die erste internationale Karriere, die je aus der Schweriner Kreisliga hervorgegangen ist. Nach Stationen in der 2. Bundesliga und der Champions League folgt nun der Höhepunkt: das WM-Endspiel. „Das Highlight seiner Laufbahn“, wie der NDR schreibt.
„Wenn du in Schwerin pfeifst, lernst du, mit Beschwerden zu leben. Das hilft später enorm.“ — Bastian Dankert, Videoschiedsrichter aus Schwerin
Schwerin plant die Gedenkstätte
In Schwerin hat man die Nachricht mit der üblichen Mischung aus Stolz und Fassungslosigkeit aufgenommen. Oberbürgermeisterin Simone Borris kündigte an, im Stadtteil Friedrichsthal – Dankerts Heimatkiez – eine „Gedenktafel mit Pfeifen-Symbol“ anbringen zu lassen. „Schwerin steht sonst vor allem für Schlösser, Seen und Sparkassenpleiten. Jetzt haben wir endlich mal wieder einen, der international Zeichen setzt – im wahrsten Sinne des Wortes.“
Die Schweriner Marketing-GmbH denkt bereits über Souvenirs nach: Pfeifen aus dem 3D-Drucker, gelbe Karten aus dem Copyshop und ein Erste-Hilfe-Set für Trainer, deren Mannschaft vom VAR benachteiligt wurde. „Endlich Tourismus, der nicht von Wetter und Wassertemperatur abhängt“, heißt es aus der Marketingabteilung. In der Innenstadt wird außerdem eine Pop-up-Ausstellung „Schweriner pfeifen Weltklasse“ vorbereitet.
Die Schweriner Erwartung
Die Bürgerinnen und Bürger der Landeshauptstadt blicken derweil gebannt nach Nordamerika. In der Stammkneipe „Zum Goldenen Reiter“ in der Münzstraße wird am Sonntag ein Public Viewing organisiert – mit dem offiziellen Motto: „Einer von uns pfeift das Spiel“. Bei jeder VAR-Entscheidung soll ein Gong ertönen, bei jeder gelben Karte ein Sektkorken knallen. Die Schweriner sind außerdem eingeladen, eigene strittige Szenen aus dem Wochenend-Fußball mitzubringen – Dankert werde „in der Halbzeitpause ein paar davon schiedsrichtern“, heißt es aus der Kneipe.
„Ich hab dem Jungen mal in der Puschkinstraße die Vorfahrt genommen“, erzählt Rentner Wolfgang Mahnke (74). „Vielleicht rächt er sich jetzt an mir, indem er den Brasilianern den Abseitspfiff gibt. Aber das ist dann wenigstens internationale Gerechtigkeit.“
Der Videoschiedsrichter aus der Schlossstraße macht sich bereit, mit den ganz Großen zu pfeifen. Schwerin darf zumindest behaupten: Wenn schon nichts funktioniert in dieser Stadt, dann wenigstens die internationalen Standards. Inklusive ständigem Zur-Rule-Gehen und minutenlangen Replay-Sequenzen, die selbst den Schweriner Stadtrat vor Neid erblassen lassen. Die Hoffnung ist, dass Dankert der erste Schweriner ist, der international für klare Entscheidungen sorgt – und nicht wie sonst für unklare Ausschüsse, halbfertige Radwege oder leere Innenstädte.
Foto: Steffen Prößdorf / Wikimedia Commons
Quelle: NDR
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