Der Musikklub ist eigentlich ein Schweriner Kultformat — jeden Dienstag, 19 Uhr, Markt. Nur diese Woche stand nur die halbe Mannschaft auf der Bühne: David Kramer, weil Martin Neuhaus fehlte. „Endlich mal klare und einfache Strukturen“, kommentierte Kramer die Lage, als wäre das jahrelange Duo plötzlich ein Solo-Projekt. Die Stadt rätselt seitdem, ob das einmaliger Urlaub war, ein geheimer Netflix-Deal oder ob die dienstägliche Hälfte einfach verschwunden ist.
Zwei Acts, ein Plan B
Den Auftakt machte Linua — bürgerlich Lina, aus Greifswald, ehemals Schwerin, jetzt Berlin. Ihr Gitarrist war abgesprungen, es war erst ihr zweiter Auftritt überhaupt, und auf die Frage nach dem Musikstil kam eine ehrliche Antwort: „Das ist eine gute Frage!“ Irgendwas zwischen Indie, Singer-Songwriter und Pop. Also genau das, was man von einer Künstlerin erwartet, die ihren eigenen Stil gerade selbst noch sucht.
Danach: Dear Robin. Dritter Auftritt, neue Besetzung. Fünf Leute aus Schwerin und Norddeutschland, Vintage Rock, und eine Frontfrau namens Pia, die sich über das Wetter freute: „Letztes Mal hatten wir scheiß Wetter, dieses Mal nicht!“ Florian an den Keyboards, Leo an Schlagzeug und Zigarette, Paul für Gesang und Gitarre, Zeus am Bass. Die neue Formation wirkt, als hätte man in der Schweriner Szene einfach die fünf besten Leute gefragt, die gerade Zeit hatten. Was die Proben angeht, dürfte es eher Improvisationskurs gewesen sein.
„Wer am dichtesten am Veranstaltungsort wohnt, kommt immer zu spät. Dieses Mal Pia aus Schwerin.“
Wo ist Martin?
Macht er Urlaub? Dreht er für Netflix? Wurde er aus dem Musikklub entsorgt? Die Originalquelle spekuliert fröhlich mit, ohne Martin zu erreichen. Kramer holte sich kurzerhand Linua zur Anmoderation auf die Bühne — ein bisschen so, als würde der Stadionsprecher kurz selbst das Mikrofon übernehmen, wenn der Stadionsprecher krank ist. Funktioniert, sieht aber komisch aus. Und vor allem: Hält nur einmal.
Am 21. Juli geht es weiter: Jens Syllwasschy und seine Kumpanen stehen als erstes auf der Bühne, danach folgt ESCO aus Rostock. Wenn bis dahin jemand Martin Neuhaus findet: bitte Bescheid geben. Schwerin braucht seine dienstägliche Hälfte zurück.
Für die rund 96.000 Einwohner der Landeshauptstadt ist der Musikklub eine der wenigen kulturellen Konstanten, die noch funktionieren, ohne dass die Stadtverwaltung einen Arbeitskreis dazu gründen musste. Dass ausgerechnet dieser eine Abend ohne eine Hälfte der Moderation auskommen musste, zeigt: Schwerins Kultur hängt an zu wenigen Schultern. Wenn eine Person fehlt, kippt der ganze Dienstag. Und mit ihm die Gewissheit, dass wenigstens das hier noch zuverlässig läuft.
Foto: Oscar Keys / Unsplash
Quelle: Schwerin-Lokal
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