Politik

Schweriner Landtag ist exportiert: 72 Prozent der Abgeordneten haben in Rostock und Greifswald studiert

Willkommen in Schwerin. Sie wissen schon: dieser Stadt, in der die Politik gemacht wird, aber offenbar nicht das Studium. Wer im Schweriner Landtag sitzt, hat sein Diplom meistens woanders abgeholt. Genauer gesagt: in Rostock. Oder in Greifswald. Hauptsache nicht in der eigenen Landeshauptstadt.

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72,2 Prozent der Abgeordneten im Landtag Mecklenburg-Vorpommern haben ein abgeschlossenes Studium. Das ergab eine Auswertung der juristischen Lernplattform Jurafuchs, die die akademischen Lebensläufe von rund 1.900 Abgeordneten aller deutschen Landesparlamente unter die Lupe nahm. Für sich genommen klingt das erst mal harmlos: Akademiker im Parlament, kreuzbrave Quote, wir können feiern.

Dann der zweite Blick. 17 Parlamentarier haben an der Universität Rostock studiert. 13 an der Universität Greifswald. Drei an der Humboldt-Uni Berlin. Insgesamt 33 von ihnen haben einen dieser drei Uni-Hotspots abgeklappert. Schwerin selbst? Fehlanzeige. Es gibt halt keine eigene Universität in der Landeshauptstadt, das macht die Sache einfacher.

Rostock und Greifswald machen das Denken, Schwerin darf zuhören

Die Fraktion Die Linke toppt das Ganze mit 77,8 Prozent Akademikerquote. Bei der AfD sind es immerhin noch 61,5 Prozent. Womit wir bei einer beruhigenden Gewissheit wären: Egal in welcher Partei, die Politikklasse MV ist ziemlich gebildet. Nur eben nicht in der Stadt, in der sie tagt.

Man darf das nicht falsch verstehen. Das ist kein Plädoyer gegen Akademiker, im Gegenteil. Ein Blick auf die Gesetzesentwürfe der letzten Wahlperiode zeigt: Hier und da hätte mehr Praxis und weniger Theorie sicher nicht geschadet. Aber so ist das halt, wenn die Elite aus den zwei größten Uni-Städten des Landes kommt: Schwerin ist dann halt eher Tagungsort, nicht Ausbildungsort.

72,2 Prozent Akademikerquote im Landtag. Nur eine Frage bleibt offen: Was haben die alle in Rostock und Greifswald eigentlich gelernt, wenn sie jetzt in Schwerin Politik machen wollen?

Eigene Beobachtung, im Schweriner Schloss tagsüber

Schweriner Eigengewächse: Mangelware

Was die Auswertung so richtig entlarvend macht, ist die Negativliste. Keine Hochschule aus Schwerin taucht unter den prägenden Studiorten auf. Keine FOM, keine Verwaltungsakademie, keine private Hochschule. Überhaupt nichts. Wer in der Landeshauptstadt was werden will im Staatsdienst, der geht zum Studieren woanders hin, kommt dann zurück und sitzt im Schloss am Burgsee.

Die Studentenquote der eigenen Stadt bleibt damit auf einem Niveau, das jede regionale Imagekampagne Lügen straft. Schweriner Schüler, die es ernst meinen mit Wissenschaft und Karriere, fahren nach Rostock, Greifswald oder gleich in den Westen. Wenn sie irgendwann Abgeordnete werden, dann wenigstens mit der Lizenz zum Erwähnen der Heimat nur im Wahlkampf.

Immerhin: Rostock und Greifswald liefern verlässlich den intellektuellen Nachschub für die Schweriner Landespolitik. Siebenundzwanzig von insgesamt 79 Abgeordneten im MV-Landtag haben in einer dieser beiden Städte studiert. Wenn man die Berlin-Ausreißer hinzunimmt, dann hat mehr als ein Drittel des Landtags seine akademische Sozialisation außerhalb von Mecklenburg-Vorpommern bekommen. Klingt nicht dramatisch, ist es aber, wenn man weiß, dass die Landeshauptstadt selbst keine Uni hat.

Die Konsequenz aus 72,2 Prozent Akademikerquote wäre eine eigene Schweriner Universität. Hat schon mal jemand vorgeschlagen. Wird gerade geprüft. In einem Arbeitskreis. Sitzungstermin offen.

Ironische Prognose auf Basis der bisherigen Arbeitskreis-Kultur

Fazit: Hauptsache, sie ziehen die richtigen Schlüsse

Was bleibt von dieser Statistik? Erstens: Die Politik in Mecklenburg-Vorpommern ist ziemlich kopflastig. Zweitens: Wer ein politisches Amt in Schwerin anstrebt, sollte sich vorher überlegen, wo er studiert. Drittens: Rostock und Greifswald tragen das Land bildungsmäßig auf ihrem Rücken. Schwerin trägt die Sitzungsgelder.

Wir freuen uns auf die nächste Legislatur. Soll ja angeblich eine neue Generation nachrücken. Die werden dann vermutlich in Rostock, Greifswald oder Berlin studiert haben. Hauptsache, sie wissen hinterher, in welcher Stadt sie eigentlich arbeiten.

Foto: Wolfgang Pehlemann / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0

Quelle: schwerin.news

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