Willkommen in Schwerin, der Landeshauptstadt, in der eine einzelne Familie mit einem Öko-Haus aus Holz, Stroh und Lehm die globale Klimakrise löst, während der Rest der Stadt im Plattenbau schwitzt und betet, dass die Heizung durchhält. So sieht Prioritätensetzung aus, wenn man genug Geld für ein Architektenhaus hat.
Wie die Ostsee-Zeitung berichtet, hat ein Schweriner Architekt für eine Familie ein Einfamilienhaus gebaut, das mehr CO₂ bindet als es verursacht. Ja, richtig gelesen: das Haus ist nicht nur klimaneutral, sondern klimapositiv. Es ist quasi ein atmendes Schwerin in den Außenwänden.
Architekten-Highlights statt Dreesch-Realität
Während diese eine Familie nun stolz zwischen Strohballen und Lehmputz wohnt und sich fühlt wie die Hauptfigur in einem Pinterest-Pin zur Klimarettung, sitzen im Großen Dreesch, in Mueßer Holz und in Neu Zippendorf Familien in Wohnungen, die energetisch noch auf dem Stand der Wendezeit sind. Heizung aus, Fenster zu, drei Decken übereinander. Das ist die wahre Schweriner Klimabilanz.
Man darf sich das einmal vorstellen: Dieselbe Landeshauptstadt, die seit Jahrzehnten ihre Plattenbauviertel mit warmen Worten und kalten Förderzusagen abspeist, schafft es offenbar, dass eine einzelne Familie in einem klimapositiven Haus aus nachwachsenden Rohstoffen wohnt. Eine Familie. In einem Haus. Mit Stroh. In Schwerin. Klingt wie der Anfang eines schlechten Witzes, ist aber echt.
„Endlich wird in Schwerin nicht mehr nur über Klimaschutz geredet, sondern auch mal einer umgesetzt. Bei einer Familie. Die das bezahlen konnte.“ – Anwohnerin aus der Weststadt
Wenn die Verwaltung zweimal klingelt
Was an dieser Erfolgsgeschichte besonders schwerin-typisch ist: bis so ein Öko-Haus überhaupt steht, müssen die Bauherren vermutlich erstmal am Schweriner Bauamt vorbei. Wer schon einmal versucht hat, in dieser Stadt eine einfache Dachgaube genehmigt zu bekommen, weiß: ohne Geduld, gute Nerven und einen Architekten, der die Formulare in Schlafphasen auswendig kann, läuft nichts.
Für die normale Schweriner Bevölkerung heißt das: Wer auf ein Öko-Haus hofft, muss erstmal eine Eigentumswohnung am Pfaffenteich besitzen. Wer auf bezahlbaren Wohnraum hofft, darf weiter auf die kommunale Wohnungsgesellschaft warten, die wiederum auf Fördergelder wartet, die wiederum auf eine Landesregierung warten, die in der nächsten Legislaturperiode vielleicht etwas ändern könnte. Vielleicht. Irgendwann.
Das schöne an dem Ganzen ist: Das Öko-Haus beweist, dass Schwerin nicht generell zu langsam ist. Schwerin ist nur zu langsam, wenn es um alle gleichzeitig geht. Wenn es um einzelne Vorzeigeprojekte geht, geht alles ganz schnell. Die Landeshauptstadt der ungleichmäßigen Geschwindigkeiten.
Klimaschutz als Lifestyle, nicht als Konzept
Man könnte jetzt zynisch werden und sagen: Klimaschutz in Schwerin ist vor allem eine Frage der Brieftasche. Wer sich ein 110-Quadratmeter-Haus aus Hanf, Stroh und Lehm leisten kann, der darf auch gerne klimapositiv wohnen. Der Rest darf klimaneutral frieren.
Wirklich schlimm wird es, wenn man bedenkt, dass das schwerinernde Stadtklima in den nächsten Jahren vermutlich nicht durch einzelne Vorzeige-Häuser gerettet wird, sondern durch das, was auf den großen Flächen passiert. Auf den ungenutzten Gewerbegebieten, den leeren Büroetagen im Stadtzentrum, den riesigen Parkplätzen am Marienplatz, auf denen jeden Tag Diesel-SUVs herumstehen, deren CO₂-Ausstoß in einer Stunde das wiedergutmacht, was so ein Strohballenhaus in einem Jahr einspart.
Aber gut. Eine Schweriner Familie hat jetzt ein klimapositives Haus. Das ist mehr, als die meisten anderen Landeshauptstädte vorzuweisen haben. Rostock zum Beispiel hat das nicht. Magdeburg auch nicht. Potsdam erst recht nicht. Wir sind also wieder einmal spitze. Nur halt in der Kategorie, die sich keiner ausgesucht hat.
Wer jetzt selbst Lust bekommen hat, ein Öko-Haus in Schwerin zu bauen, dem sei gesagt: das Bauamt hat diese Woche nur dienstags und donnerstags geöffnet, und die Wartezeit für einen Termin beträgt ungefähr so lange wie die Bauphase Ihres klimaneutralen Eigenheims. Man muss halt wissen, wie man priorisiert.
Foto: JonathanCross / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0
Quelle: Ostsee-Zeitung
Schwerin ist Geil auf WhatsApp
Tägliche Satire-News direkt aufs Handy. Kein Spam, nur Geilheit.
Jetzt Kanal abonnierenKostenlos · Kein Gruppenchat · Jederzeit abbestellbar
