Schwerin ist ab Donnerstag kurz mal nicht die Landeshauptstadt mit den meisten Schlaglöchern und der zweifelhaften Ehre, an keiner ICE-Trasse zu hängen. Für drei Tage ist die Stadt das, was sich die Marketingabteilung der Bundesfinanzverwaltung erträumt hat: eine Sportmetropole. Die 19. Deutschen Zollmeisterschaften machen Station, 2000 Sportlerinnen und Sportler, zwölf Sportarten, 22 Disziplinen. Beachvolleyball, Fußball, Drachenboot, Darts, Schwimmen, Geländelauf. Eine ganze Stadt wird zur Betriebskita des Bundes.
Wer jetzt denkt, 2000 Zollbeamte in Schwerin, endlich, dann müsste doch wenigstens am Bahnhof oder am Lambrechtsgrund das eine oder andere Kilo unversteuerten Tabak auffliegen, hat die Pointe nicht verstanden. Diese Beamten sind nicht im Dienst. Sie sind im Wettkampfmodus. Sie messen, werfen, rudern, werfen Pfeile, laufen über unmarkiertes Gelände. Sie tun alles – nur nicht das, wofür sie bezahlt werden. Drachenboot statt Drogenfahndung. Darts statt Drogenkurier. Geländelauf statt Grenzkontrolle. Man kann es auch Entspannungspolitik nennen.
„Wir vertreten den Zoll auf dem Spielfeld – der echte Zoll macht derweil weiter zu, was wir nicht sehen“
„Ich freu mich auf das Turnier. Letztes Jahr hatten wir im Hotel Schwertfeger kein freies Zimmer mehr, diesmal sind wir im Schloss untergekommen, weil nichts anderes mehr frei war. So gesehen funktioniert das mit dem Tourismus ja doch“, sagt eine fiktive Zöllnerin aus Köln, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, weil sie beim Dienst eigentlich gerade Schmuggler fangen sollte. „Aber das macht jetzt der Kollege aus Bayern.“
Hinter dem Spektakel steht ein 58-köpfiges Organisationsteam aus Ehrenamtlichen, versammelt im Verein Deutsche Zollsporthilfe. 21 Sportlerinnen und Sportler werden 2026 aus diesem Topf gefördert, einer davon fährt zur Triathlon-Weltmeisterschaft nach Nizza. Man darf das so machen: Den Verein fördern, die Beschäftigten sponsern, und gleichzeitig in der Behörde an allen Ecken Personal fehlen lassen. Triathlon-WM Nizza, während die Reisekostenabrechnung im dritten Anlauf noch nicht durch ist.
Schwerin selbst darf sich nun also rühmen, eine der größten Betriebssportveranstaltungen Deutschlands beherbergen zu dürfen. 96.000 Einwohner, 22 Disziplinen, 2000 Leute in Trikots. Das sind statistisch gesehen 20 Zollbeamte pro Schweriner. Wenn man Pech hat, schläft ab Freitag das halbe Lambrechtsgrund-Viertel im Wachschutz-Modus, weil die Eventmeile direkt vor der Haustür liegt. Die Schwerinerinnen und Schweriner dürfen live zuschauen, wie jemand vom Zoll Darts spielt. Das ist vermutlich die höchste Staatskunst, die diese Stadt in diesem Jahr abbekommt.
Die Schweriner Verwaltung gibt sich olympisch: „Zusammenhalt, Kollegialität, Austausch zwischen Menschen, die wichtige hoheitliche Aufgaben des Staates übernehmen“, heißt es in der offiziellen Mitteilung. Schmuggel, Schwarzarbeit, Spezialeinheiten – alles paletti, solange Beachvolleyball, Darts und Volleyball neue Teilnehmerrekorde verzeichnen. Rekorde, auf die man in Schwerin zugegebenermaßen nicht stolz sein muss, denn mit dem Volleyball des SSC Schwerin kann das kein Bundesbeamter aufnehmen. Aber gut, sie haben Medaillen.
Was bleibt nach drei Tagen?
Eine Handvoll Medaillen, ein paar neue Folgeverletzungen, und das Wissen, dass die echte Zollkontrolle in Mecklenburg-Vorpommern in dieser Woche vermutlich von der Praktikantin aus dem dritten Lehrjahr übernommen wird. Während in der Landeshauptstadt also Darts-Pfeile fliegen und Drachenboote über den Pfaffenteich schippern, feiern die Schmuggler in Warnemünde ein ungestörtes Wochenende. Sport frei.
Foto: Mitchell Luo / Unsplash
Quelle: Stadt Schwerin
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