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Schwerin will 80 Stunden am Stück reanimieren – Weltrekordversuch gegen das Aussterben

Schwerin reanimiert sich selbst – und zwar im Akkord. In der Innenstadt läuft dieser Tage ein Weltrekordversuch im Wiederbeleben, bei dem Ehrenamtliche, Sanitäter und besorgte Bürger insgesamt 80 Stunden am Stück Herzdruckmassage üben wollen. Eine Art Trockentraining für den Ernstfall. Oder, je nach Lesart, ein Hilferuf.

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Denn wer Schwerin kennt, weiß: Die Stadt braucht keine Reanimation, weil ein Mitbürger zusammengebrochen ist – sondern weil die Stadt selbst seit Jahren klinisch tot wirkt. Die Innenstadt schließt um 19 Uhr, die Schulen verlieren Schüler im Wochenrhythmus, und die Landesregierung tagt inzwischen öfter in Berlin als in Schwerin. Da ist 80 Stunden Brustkorb-Drücken fast schon Symbolpolitik mit Sinn.

„Schwerin sucht das Lebenszeichen“

Veranstalter des Rekordversuchs ist eine Initiative aus dem erweiterten Umfeld der Freiwilligen Feuerwehr, des Deutschen Roten Kreuzes und der AOK Nordost. Man wolle zeigen, dass Wiederbelebung in den ersten Minuten Leben retten kann – und Schwerin dabei als Standort für medizinische Höchstleistungen ins Gespräch bringen. Eine charmante Idee, sofern man vergisst, dass die meisten Menschen in Schwerin derzeit eher nicht an einem Mangel an Wiederbelebung sterben, sondern an einem Mangel an allem anderen.

„80 Stunden am Stück – das ist ein langer Arbeitstag plus Überstunden“, erklärt Organisator Klaus Erdmann (62). „Wir wechseln uns alle 15 Minuten ab. Ein bisschen wie bei der Stadtverwaltung, nur dass bei uns am Ende tatsächlich jemand wieder atmet.“

„Ich hab in meinem Leben schon viele Kollegen reanimiert – aber noch nie eine ganze Stadt. Wenn das hier klappt, mache ich das in Wismar gleich nochmal.“ — Klaus Erdmann, Organisator

Anwohner: „Endlich mal wieder Puls in der Stadt“

Die Reaktion der Schweriner Bevölkerung fällt – wie immer in Schwerin – verhalten, aber positiv aus. „Ich bin extra aus Lankow gekommen, um zuzugucken“, sagt Anwohnerin Brigitte Mahler (71). „Daheim sitzt man nur rum. Hier sieht man wenigstens, dass Leute was tun. Auch wenn’s nur Brustkörbe drücken ist.“

Ein Passant, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, ergänzt: „80 Stunden Reanimation – das ist nichts gegen 80 Stunden Stadtratssitzung. Da wären die Helfer nach der ersten Stunde tot.“ Die Veranstalter sehen das sportlich. Man wolle den bisherigen Rekord brechen – und damit bundesweit Aufmerksamkeit für die Reanimationsquote in Deutschland erzeugen. Auch eine Spendensumme für die örtliche DRK-Bereitschaft soll am Ende zusammenkommen.

Schwerin wirbt mit Lebenszeichen

Eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums kritisierte im Vorfeld, die Aktion sei „reiner Aktionismus“. Die Veranstalter kontern trocken: Aktionismus sei immer noch besser als Passivismus – und Passivität sei es, was Schwerin in den vergangenen Jahren vor allem ausgezeichnet habe. Wer den Stadtkern nach 20 Uhr besuche, wisse, was gemeint sei.

Parallel zur Aktion will die Stadtverwaltung am Pfaffenteich ein „Reanimations-Denkmal“ einweihen – eine Bronzefigur, die einer Puppe Brustkorb-Drücken beibringt. In welcher Höhe der Haushaltsansatz dafür liegt, will das Rathaus auf Nachfrage nicht sagen. Man sei „noch in der Prüfung“. Wie viel Sinn eine Bronzepuppe macht, währenddessen die echte Innenstadt weiter leblos bleibt, wird im Rathaus noch geklärt.

Fest steht: Wenn der Rekordversuch am Sonntagabend tatsächlich erfolgreich endet, hat Schwerin zumindest offiziell wieder Puls. Auch wenn der demografische Infarkt noch nicht überwunden ist. Aber 80 Stunden am Stück wenigstens irgendetwas drücken – das ist in dieser Stadt fast schon olympiareif.

Foto: Image created by User:Rama / Wikimedia Commons

Quelle: Marienplatz-Galerie

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