Schwerins Innenstadt verliert erneut ein inhabergeführtes Geschäft. Sabine Koltzer schließt „Fashion for You“ in der Puschkinstraße und verabschiedet sich nach fast drei Jahrzehnten im Textilhandel in den Ruhestand. Der Räumungsverkauf läuft, die Preise fallen. Nur die Innenstadt bleibt beim bewährten Konzept: weniger Läden, mehr Erklärungen.
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Ein lachendes Auge, ein weinendes Schaufenster
„Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sagt Koltzer. Das lachende Auge blickt auf mehr Zeit für Familie und Enkelkinder. Das weinende Auge schaut auf eine Innenstadt, in der ein weiteres vertrautes Geschäft die Tür schließt. Beides passt zusammen: privat ein neuer Lebensabschnitt, städtisch ein weiterer Abschied.
Koltzer war bereits seit der Eröffnung des Schlosspark-Centers im Jahr 1998 mit „Koltzer Herrenmoden“ im Modehandel vertreten. Nachdem dieses Geschäft 2021 geschlossen hatte, wagte sie 2023 mit „Fashion for You“ in der Puschkinstraße noch einmal einen Neuanfang. Drei Jahre später endet auch dieses Kapitel.
„Viele kaufen nur noch online“, sagt Sabine Koltzer. Schwerin hört solche Sätze inzwischen so regelmäßig, dass man sie eigentlich als akustische Innenstadtmöblierung anmelden könnte.
Räumungsverkauf als letzte Attraktion
Wer noch einmal bei „Fashion for You“ einkaufen möchte, bekommt Damen- und Herrenmode derzeit deutlich reduziert. Viele Artikel werden für 35 bis 50 Euro angeboten oder sind um 50 Prozent reduziert. Der Räumungsverkauf ist damit die letzte große Rabattaktion eines Geschäfts, das der Innenstadt fast drei Jahrzehnte lang ein Gesicht gegeben hat.
Für die Kundschaft ist das zunächst ein gutes Geschäft. Für die Stadt ist es die übliche Rechnung: kurzfristig Schnäppchen, langfristig eine weitere dunkle Fläche. Man kann den Schaufenstern beim Leererwerden zusehen und sich dabei einreden, dass Leerstand immerhin keine Parkplatzsuche verursacht.
Die Gründe liegen nicht allein bei einem einzelnen Laden. Koltzer beschreibt, was viele Fachgeschäfte spüren: Der stationäre Einzelhandel steht unter Druck, weil immer mehr Menschen online kaufen. Das ist bequem, schnell und für die Innenstadt ungefähr so hilfreich wie ein Regenschirm im Schaufenster eines Geschäfts, das bereits geschlossen hat.
Mit dem Abschied von Sabine Koltzer verschwindet nicht nur ein Modegeschäft aus der Puschkinstraße. Es verschwindet ein vertrautes Gesicht, das Kundinnen und Kunden beraten hat, statt ihnen bloß eine Versandbestätigung zu schicken. Die Stadt wird dafür vermutlich wieder irgendwo einen Aufsteller mit dem Wort „Belebung“ hinstellen.
Schwerin verliert damit ein weiteres inhabergeführtes Fachgeschäft. Die Innenstadt hat jetzt mehr Platz für neue Konzepte. Sie braucht nur noch jemanden, der sie findet, bevor auch der letzte Laden online umzieht.
Foto: Bernd Schwabe in Hannover / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Quelle: Nordkurier
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