Schwerin – Wer in Schwerin mit dem Rollstuhl Straßenbahn fahren will, braucht ab sofort einen Plan: Den Plan, zur Haltestelle Schlossblick/IHK zu fahren. Denn die Haltestelle Platz der Jugend ist seit Montag, 29. Juni 2026, komplett gesperrt. Die Ersatzhaltestelle liegt zwar nur 50 Meter weiter in Richtung Marienplatz – aber ohne Rampe, ohne Bordsteinabsenkung, ohne barrierefreien Einstieg. Wie der Nahverkehr Schwerin auf Anfrage bestätigte, ist dort „die Mitnahme und der Ausstieg von Fahrgästen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, leider nicht möglich“.
Die Ironie könnte kaum dicker sein: In einer Stadt, die sich bis 2030 für mehr als 30 Millionen Euro ein neues Straßenbahnnetz leistet – nach über 20 Jahren Stillstand, versteht sich – wird ausgerechnet den Menschen, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind, der Einstieg verwehrt. Die Stadtwerke Schwerin nennen das „leider nicht möglich“. Was sie nicht nennen: ein Ende. (stadtplanung)
Die Stadt antwortet nicht mal auf Nachfragen
Wie lange die Sperrung dauert? Weiß keiner. Auf schriftliche Nachfrage des Nordkuriers war von der Stadt zunächst keine Auskunft zu bekommen. Die offizielle Mitteilung verweist auf „Vorbereitung von Gleisbauarbeiten“ – mehr nicht. Wer als Rollstuhlfahrer in Schwerin unterwegs ist, muss also darauf vertrauen, dass die Bauarbeiter schon wissen, wann sie fertig sind. Die Betroffenen selbst erfahren es zuletzt.
„In Schwerin fährst du Straßenbahn, wenn du kannst. Wenn du nicht kannst, fährst du halt woanders. Oder gar nicht. So ist das hier eben.“
30 Millionen für ein Netz – und 50 Meter ohne Rampe
Die Stadt hat Großes vor: 24 Maßnahmen umfasst das Programm, mit dem das Schweriner Straßenbahnnetz bis 2030 grunderneuert werden soll. Fünf davon sind für dieses Jahr geplant, darunter die Grundinstandsetzung am Platz der Freiheit. An der Wismarschen Straße wird ab 2026 vom Bürgermeister-Bade-Platz bis zur Möwenburgstraße gebaut. Und ab 2028 – man beachte die Terminplanung – soll die Haltestelle Hauptbahnhof endlich barrierefrei ausgebaut und mit Bögen versehen werden, damit die Bahnen künftig nicht mehr auf der Straße halten.
Bis dahin bleibt den Schweriner Rollstuhlfahrern nur der Weg zur Station Schlossblick/IHK – oder die B5, die Buslinie, das Taxi. „Wir sind kürzlich extra zum Platz der Jugend gefahren, weil wir dachten, dort ist was los. Dann hieß es: Haltestelle zu, nächster Halt in 800 Metern“, erzählt eine Schwerinerin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. „Wer nicht zu Fuß gehen kann, hat in Schwerin halt Pech gehabt.“
Die Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern, die sich in Sonntagsreden gern als barrierefreies Vorbild feiern lässt, liefert im Alltag wieder einmal das gewohnte Bild: Groß angekündigt, klein umgesetzt – und wer nicht mit dem Mainstream laufen kann, läuft halt nicht mit. Schwerin bleibt halt Schwerin.
Foto: Yender Fonseca / Pexels
Quelle: Nordkurier
Mehr zum Thema: Schwerin im Juli: Wer hier noch parken will, sollte sich ein Fahrrad und starke Nerven zulegen
Mehr zum Thema: Schwerin kaputt gefahren: 30 Millionen Euro fürs marode Schienennetz
Schwerin ist Geil auf WhatsApp
Tägliche Satire-News direkt aufs Handy. Kein Spam, nur Geilheit.
Jetzt Kanal abonnierenKostenlos · Kein Gruppenchat · Jederzeit abbestellbar
