Gesellschaft

Schwerin tanzt für die Demokratie: Hunderte ziehen bei „Rave the Castle“ durch die Stadt – und brauchen Gehörschutz

Schwerin tanzt für die Demokratie: Hunderte ziehen bei „Rave the Castle“ durch die Stadt – und brauchen Gehörschutz

Schwerin – Was am Samstag durch die Schweriner Innenstadt rollte, war keine x-beliebige Demo. Es war die „Prüf-Parade Rave the Castle“: zwei Demotrucks, zwei lokale DJs, ein paar hundert Menschen, politische Reden, elektronische Musik – und ein offizieller Aufruf an „demokratieliebende Eltern, ihre Kinder mit Gehörschutz auszustatten“. Wer in Schwerin am Samstag zwischen 14 und 21 Uhr am Berliner Platz, an der Hamburger Allee, der Ludwigsluster Chaussee, dem Obotritenring oder dem Bertha-Klingberg-Platz ein Auto bewegen wollte, durfte das nicht. Beidseitig ab der Graf-Schack-Allee war Schluss mit Durchkommen. Die Polizei sperrte, die Stadt sperrte, die Wagenburg der Demokratie rollte.

Die Aktion ist Teil der bundesweiten Kampagne „Prüf“, die der Satiriker Nico Semsrott im November 2025 ins Leben gerufen hat, um über das Bundesverfassungsgericht eine Überprüfung rechtsextremer Parteien – konkret: der AfD – zu erzwingen. In Schwerin finden seit April monatlich „Prüf“-Demos statt – während die Landespolitik parallel Wahlkampf macht. Was am Samstag anders war: die Mischung. Politik auf dem Lastwagen, Bass aus den Boxen, der Schloss vor der Nase, die Sonne im Rücken. Schwerin als Bühne. Schwerin als Party. Schwerin als politische Hauptstadt, die in den letzten Jahren vor allem dadurch aufgefallen ist, dass sie keine ist.

Die Stadt und der Stau

Die Ironie dieser Stadt und ihrer Verkehrslage ist so zuverlässig wie der Mittwoch: Schwerin hat 96.000 Einwohner, gefühlt dauerhafte Baustellen und gefühlt eineinhalb Hauptstraßen. Wenn dort eine Demo mit zwei Lastwagen rollt, ist die halbe Stadt lahmgelegt. Wer am Samstag vom Marienplatz in die Schloßstraße wollte, brauchte entweder Geduld, ein Fahrrad oder den festen Glauben daran, dass die Schweriner Straßenführung irgendwann einmal logisch wird. Beides half nicht. Auch das Navi gab irgendwann auf – und lieferte den immer gleichen, leicht verzweifelten Hinweis: „Route wird neu berechnet. Route wird neu berechnet. Route wird neu berechnet.“

„Ich finde es ja schön, dass in Schwerin endlich mal was für die Demokratie getan wird. Aber warum muss es immer direkt die halbe Innenstadt lahmlegen? Können wir nicht einmal klein anfangen – mit einer liberalen Parkplatzpolitik?“ — Anwohnerin aus der Feldstadt, 58, namentlich anonym

Politik im Takt

Die Veranstalter warben im Vorfeld um Beteiligung mit einem Vergleich, der durchaus sitzt: „Rave the Castle“ solle an die „Jobparade“ der DGB-Jugend in Schwerin erinnern – und an „Rave the Planet“ aus Berlin, wo im vergangenen Jahr zehntausende Menschen trotz strömenden Regens gemeinsam tanzten. In Schwerin nun: keine Zehntausende, sondern ein paar Hundert, aber dafür mit der Geste der politischen Ernsthaftigkeit. Reden wurden gehalten, Parolen gerufen, Fahnen geschwenkt, Beats aufgelegt. Auf den Demotrucks mischte sich politischer Inhalt mit dem ganz banalen Vergnügen, in einer Kleinstadt einmal nicht zwischen Einfamilienhaus und Discounter-Parkplatz zu stehen, sondern zwischen Boxentürmen und politischen Sprechchören.

Der Hinweis auf den Gehörschutz für Kinder war übrigens kein Witz. Wer in der Nähe der beiden Demotrucks stand, dürfte kurzzeitig das Gefühl gehabt haben, eine mobile Diskothek passiere den Schweriner Schlossgarten. Drei Schweriner Väter, die am Rand mit ihren Kindern standen, trugen Ohrenschützer mit der Aufschrift „Bürgerwehr Innenstadt“ – ob aus Überzeugung oder Hörschutz, war nicht mehr zu klären.

Die „Prüf“-Bewegung wird ihre Demos in Schwerin auch in den kommenden Monaten fortsetzen – monatlich, so die Organisatoren. Ob die Schweriner Verwaltung weitere Sperrungen genehmigt, wird sich zeigen. Klar ist: Wer in Schwerin in Zukunft am ersten Samstag im Monat ein Auto bewegen will, sollte entweder zu Fuß gehen oder den Wagen einfach stehen lassen. Die Demokratie kommt mit Lastwagen. In Schwerin bleibt sie wenigstens nicht stehen.

Foto: Wolfgang Weiser / Unsplash

Quelle: Nordkurier

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