Gesellschaft

Schwerin schickt eine Insektenscheuche auf die Feuchtwiese – Rücksicht funktioniert plötzlich doch

Schwerin kann also doch vorsichtig. Nicht bei Bauzeiten, Haushaltslöchern oder Bürgeranträgen, aber immerhin beim Mähen. Die geschützten Feuchtwiesen der Stadt bekommen in den kommenden Wochen eine Behandlung, von der andere Schweriner Problembereiche nur träumen können: leichtes Gerät, breite Stachelwalzen, zehn Zentimeter Sicherheitsabstand und Rückzugsräume für alle, die nicht schnell genug fliehen können.

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Im Auftrag der Unteren Naturschutzbehörde mäht die Firma Landschaftspflege Meyen mehrere nasse, moorige Flächen im Stadtgebiet. Dazu gehören auch Wiesen bei Adebors Näs. Laut Mitteilung der Landeshauptstadt kommt erstmals eine besonders boden- und insektenschonende Technik zum Einsatz. Das ist erfreulich – und zugleich der seltene Beweis, dass eine Neuerung in Schwerin nicht zwingend mit einem Arbeitskreis, drei Verschiebungen und einem provisorischen Bauzaun beginnen muss.

Die Wiese wird gemäht, damit sie Wiese bleibt

Die Pflege beginnt frühestens ab Mitte Juli, wenn die meisten Pflanzen ihre Samen bereits gebildet haben. Auf den nährstoffarmen Feuchtwiesen wachsen seltene und gefährdete Arten wie die Kuckucks-Lichtnelke und das Breitblättrige Knabenkraut, eine heimische Orchidee. Ohne jährliche Mahd würden erst hohe Gräser und später Gehölze die offenen Flächen verdrängen. Naturschutz bedeutet hier also ausnahmsweise nicht, alles unberührt liegen zu lassen, sondern zum richtigen Zeitpunkt sehr gezielt einzugreifen.

„Wir schneiden etwas weg, damit mehr erhalten bleibt. Dieses Prinzip könnte für manche Schweriner Verwaltungsabläufe revolutionär sein“, erklärt ein erfundener Mitarbeiter der ebenfalls erfundenen Fachstelle für angewandte Pointe.

Entscheidend ist das Wie. Das einachsige Mähwerk läuft auf breiten Stachelwalzen, damit der empfindliche Moorboden möglichst wenig verdichtet wird. Gemäht wird mit einem Messerbalken und einer sogenannten Insektenscheuche. Diese Vorrichtung soll Tiere vor dem Schneidwerk aufscheuchen, damit sie rechtzeitig ausweichen können. Die Schnitthöhe liegt bei mindestens zehn Zentimetern, um bodennahe Insekten und kleine Wirbeltiere besser zu schützen.

Zehn Prozent bleiben stehen – ohne Sondergenehmigung

Auf rund zehn Prozent jeder Fläche bleiben ungemähte Inseln stehen. Sie dienen Insekten als Rückzugs- und Wiederausbreitungsort. Besonders wichtig ist das für Schmetterlingsarten, deren Puppen bereits an Pflanzen oder im Boden sitzen und naturgemäß schlecht auf die Durchsage „Bitte verlassen Sie jetzt den Mähbereich“ reagieren können.

Damit erhält ausgerechnet eine Wiese in Schwerin etwas, das in der Stadtentwicklung nicht selbstverständlich ist: einen Plan mit nachvollziehbarem Ziel, passender Technik, klarer Mindesthöhe und fest eingeplanten Rückzugsflächen. Kein Insekt muss erst eine Einwohneranfrage stellen, um zu erfahren, ob sein Lebensraum vielleicht im nächsten Haushalt berücksichtigt wird. Es bekommt zehn Prozent und damit eine erstaunlich konkrete Zusage.

Die Pointe ist leider nicht die Technik

Die schonende Mahd ist fachlich sinnvoll und keine Lachnummer. Die Pointe liegt woanders: Schwerin zeigt hier, wie Verwaltung funktionieren kann, wenn Fakten ernst genommen werden. Der Boden ist empfindlich, also kommt leichtes Gerät. Insekten sind gefährdet, also gibt es Scheuche, Messerbalken und Rückzugsinseln. Pflanzen brauchen Zeit zur Samenbildung, also beginnt die Arbeit erst Mitte Juli. Problem, Ziel, Maßnahme – drei Schritte, kein Nebel.

Die Untere Naturschutzbehörde will die Entwicklung der Flächen laufend beobachten und die Pflege anpassen. Auch das klingt verdächtig vernünftig. Schwerin sollte diese Methode deshalb gut dokumentieren. Nicht nur für die Feuchtwiesen, sondern als Anschauungsmaterial für jede Stelle, die bei einem erkannten Problem sonst reflexartig ein Schild aufstellt, eine Prüfung ankündigt oder den nächsten Zuständigen sucht.

Die Feuchtwiese bekommt in diesem Sommer jedenfalls genau das, was sie braucht. Bleibt nur die unangenehme Frage, warum Rücksicht in der Landeshauptstadt offenbar leichter wird, sobald die Betroffenen keine Formulare ausfüllen können.

Symbolbild: Die Aufnahme entstand im Naturschutzgebiet Wäschebach-Tieberg und zeigt nicht die Schweriner Feuchtwiesen.

Foto: Martin Lindner / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Quelle: Landeshauptstadt Schwerin

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