Schwerin hat eine Lieblingsbeschäftigung: warten. Auf den ICE, auf den nächsten Hitzesommer, der die Schlaglöcher endlich zuschmelzt, auf den Tag, an dem irgendjemand mit einem Werkzeugkoffer auf der Wonnemar-Baustelle erscheint. Doch während die Stadt auf all das wartet, sammeln ihre Bewohnerinnen und Bewohner gerade 48.000 Euro für ein Wandbild – und bringen damit mehr Energie auf als die Stadtoberen für so manchen Fünf-Millionen-Euro-Posten. (schwerin)
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Konkret geht es um das Projekt „AllerHand“ des Schweriner Künstlers Tino Bittner. Geplant ist ein großformatiges Fassadenbild in der Bornhövedstraße 5, direkt neben dem ehemaligen Herzoglichen Waisenhaus und der Kita „Villa Traumland“. Das Motiv steht bereits: ein Ausschnitt aus dem Gemälde „Mädchen und Knabe mit Schweinsblase“ des niederländischen Meisters Godefridus Schalcken aus dem Jahr 1682. Wer das Staatliche Museum Schwerin besucht, kann sich das Original anschauen – und sich dann vorstellen, wie es demnächst den Passanten an der Hauswand entgegenschaut.
12 Tage, 6.000 Euro, ein Stadtbild
Die Crowdfunding-Kampagne hätte am Mittwochabend enden sollen. Dann hätten die Macher die Reißleine gezogen und die Aktion wäre beerdigt worden, wie so viele Ideen in Schwerin, die zwischen „toller Plan“ und „kein Geld“ sterben. Doch am Ende haben mehr als 300 Menschen gespendet – genug, um die Kampagne um zwölf Tage zu verlängern. Knapp 6.000 Euro fehlen noch zum Spendenziel von 48.000 Euro. Das ist weniger als das, was die Landeshauptstadt in derselben Zeit für die Beseitigung eines populistischen Schlagloches ausgibt.
Die Geschichte hat eine Pointe, die man eigentlich nicht erzählen müsste, weil sie sich von selbst versteht: Während auf Wonnemar-Baustellen seit Jahren Kräne stillstehen, während Stadtbibliotheken über Personalmangel stöhnen, während Spielplätze mit Bauzäunen umstellt sind, weil niemand den TÜV bezahlt, schaffen es die Schwerinerinnen und Schweriner, in Eigeninitiative ein Kunstwerk an eine Hauswand zu finanzieren. Aus Spendengeldern. Mit Joghurtbechern zum Farbenmischen. Mit Kindern, die sich darauf freuen.
„Die Leute fragen nach, die kümmern sich, die haben Joghurtbecher zum Mischen der Farben gesammelt. Kinder freuen sich total darauf. Viele Menschen in Schwerin reden gefühlt über ein Bild, das es noch gar nicht gibt.“ – Tino Bittner, Künstler
Eine Stadt, die sich selbst sammelt
Der Verein, der das Projekt trägt, hätte aufgeben können. Hätte sagen können: „Schwerin ist nicht reif für Kunst im öffentlichen Raum, der Hauptbahnhof ist auch kaputt, warum sollten ausgerechnet wir es schaffen.“ Stattdessen wurde verlängert, weiter gesammelt, weiter über das Bild geredet, das es noch gar nicht gibt. Das Staatliche Museum Schwerin hat das Original inzwischen wieder Teil seiner aktuellen Schau gemacht – Museumsbesucher Jens Kruggel brachte es auf den Punkt: „Hier hängt das Original, draußen soll es groß und für alle sichtbar werden. Das finde ich toll. Man verbindet die Hände der Vergangenheit mit unserer Gegenwart.“
Es ist eine dieser Geschichten, die in Schwerin viel zu selten erzählt werden, weil sie nicht ins Raster der üblichen Pressemitteilungen passen. Keine Stadtratssitzung, kein Förderbescheid, keine politische Posse. Nur ein Künstler, ein leerer Spendentopf, der langsam voll wird, und eine Stadt, die einmal beweist, dass sie nicht nur verwaltet, sondern auch gestaltet werden kann. Wenn das Wandbild am Ende hängt, ist das nicht nur ein Pinselstrich an einer Hauswand – es ist der Beweis, dass Schwerin mehr kann, als auf das nächste Großprojekt zu warten, das dann doch nicht kommt.
Wer noch spenden will: zwölf Tage bleiben. 6.000 Euro fehlen. Danach beginnt der Pinselstrich – und Schwerin bekommt endlich etwas, das es sich selbst ausgesucht hat.
Foto: Singlespeedfahrer / Wikimedia Commons / CC0
Quelle: Nordkurier
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