Groß Welzin/Schwerin (SIP/Hohn) – Zwei Jahrzehnte Planung, ein Projektentwickler aus Itzehoe, 23 Windkraftanlagen mit einer Höhe von 250 Metern – und am Ende eine Absage. Das Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt Westmecklenburg (Stalu WM) hat die Genehmigung für die Windparks Groß Welzin I und Groß Welzin II nun doch verweigert. Hauptgrund: das Weltkulturerbe. Wer in Schwerin zwischenzeitlich darauf gewettet hatte, dass ausgerechnet die Landeshauptstadt ihren Anteil zur Energiewende beisteuert, hat jetzt die Quittung. Die Sicht auf das Schloss bleibt ungestört. Der Himmel bleibt leer. Das Klima wartet.
250 Meter hoch, aber bitte nicht in Sichtweite der Schlosskulisse
Die Pläne waren ambitioniert. Im Gebiet Groß Welzin I hätten acht Anlagen entstehen sollen, im Gebiet Groß Welzin II fünfzehn – also insgesamt 23 Windräder, die mit jeweils 250 Metern Höhe fast doppelt so groß wären wie der Dom zu Schwerin. Ein Projektentwickler aus Itzehoe hatte das Vorhaben bereits 2019 und 2023 eingereicht. Es folgten Auslegungen, Einwendungen, eine Bürgerversammlung in Grambow, viel Papier und noch mehr Widersprüche. Jetzt also das endgültige Nein.
Wie der Nordkurier berichtet, sah die zuständige Behörde vor allem ein hohes Gefährdungspotenzial in Bezug auf die „visuelle Integrität“ des Schweriner Residenzensembles. Das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege (LAKD) und die Stabsstelle Weltkulturerbe stellten sich quer. Schall, Schattenwurf, archäologische Belange, Landschaftsbild, Tier- und Pflanzenwelt – alles wurde mitbedacht, alles floss in die Ablehnung ein. Wer gedacht hatte, die Energiewende sei ein ökologisches Argument, hat offensichtlich die Rechnung ohne die Schweriner Ästhetik-Kommission gemacht.
„In Mecklenburg-Vorpommern schützt man das Weltkulturerbe konsequenter als das Weltklima. Während anderswo über den Ausbau der Windkraft debattiert wird, blockiert die Residenzensemble-Empfindlichkeit in Schwerin jeden Mast in Sichtweite.“
Bürokratie schlägt Physik
Das Stalu WM begründete seine Entscheidung unter anderem damit, dass die Genehmigungsfähigkeit gemäß Bundesimmissionsschutzgesetz nicht vorliege. Übersetzt: 23 Riesenwindräder wären technisch gegangen – nur halt nicht in der Schweriner Wohlfühlzone. Die Gemeinde Grambow hatte noch am 29. Juni zu einer Bürgerversammlung geladen, die Gemeindevertretung betonte damals ausdrücklich, dass noch keine Entscheidung für oder gegen die Anlagen getroffen sei. Diese Entscheidung ist mit der Ablehnung nun praktisch hinfällig. Die Verwaltungsgebühr für das Verfahren trägt der Antragsteller. Lernen durch Leiden, sozusagen.
Die Investoren können jetzt Widerspruch einlegen. Die Frist dafür läuft einen Monat ab Bekanntgabe der Bescheide. Wer sich die ausführliche Begründung im Original ansehen will, kann das noch bis zum 4. August in den Räumen des Stalu WM am Bleicherufer tun, Abteilung 6 Windkraft, 1. Obergeschoss, zu den üblichen Bürozeiten. Wer denkt, ein bisschen mehr Bürokratie könne die 23 Windräder doch noch retten, hat das Prinzip Schwerin noch nicht verstanden.
Die stille Hauptstadt bleibt stille Mittelstadt in der Energiewende
Natürlich darf ein Weltkulturerbe nicht jeder Windrad-Ästhetik geopfert werden. Aber es fällt auf, dass ausgerechnet die Landeshauptstadt eines windkraftstarken Flächenlandes Projekte blockiert, die den Klimaschutz vorangebracht hätten. Während anderswo Windparks als selbstverständlicher Teil der Energieinfrastruktur gelten, wird in Mecklenburg-Vorpommern jeder Antrag offenbar zur Weltkulturerbe-Frage. Der Denkmalbehörde sei Dank – sie hat jetzt die Verantwortung dafür, dass 23 potenzielle Windräder niemals Strom liefern werden.
„Es geht nicht darum, Windräder auf den Schlossplatz zu stellen“, sagte ein sichtlich gefasster Anwohner aus dem Groß Welziner Umland, der namentlich nicht genannt werden wollte. „Aber langsam frage ich mich, ob die Stadt lieber eine hübsche Postkarte als einen funktionierenden Klimaschutz will.“ Die Antwort kennt jeder, der einmal vom Münzplatz Richtung Schloss gelaufen ist. In Schwerin ist die Aussicht heilig. Alles andere ist Wetter.
Foto: Tho-Ge / Pixabay
Quelle: Nordkurier
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