Schwerin hat ein neues Sonntagsritual – und es hat nichts mit Kirche, Familie oder dem wöchentlichen Spaziergang um den Pfaffenteich zu tun. Es heißt: Einkaufen. Am Sonntag. Mit dem Auto. Aus dem Umland. Mittlerweile zehn Supermärkte in der Landeshauptstadt öffnen ihre Türen, wenn anderswo gerade der Braten in der Röhre schmort. Der Handelsverband Nord beobachtet das mit dem Blick eines Mannes, der gerade erfährt, dass sein Bier ausgerechnet auf der Beerdigung ausgeschenkt wird: „So war das nicht gedacht.“
Die Idee hinter dem verkaufsoffenen Sonntag war einst so deutsch wie ein Dackel im Vorgarten: Familien sollen nach dem Kirchgang noch gemütlich durch die Innenstadt bummeln, einen Kaffee trinken, vielleicht ein Buch kaufen. Lokal. Human. Verträglich. Was in Schwerin passiert, ist die Fortsetzung dieser Idee mit dem Vorschlaghammer: Pendler aus Ludwigslust, Hagenow und Parchim steigen in ihren Diesel, fahren 40 Minuten in die Landeshauptstadt, kaufen 14 Tage Grundnahrungsmittel ein, fahren zurück – und tanken selbstverständlich auch noch in Schwerin. Der innerstädtische Umsatz pro Quadratmeter klingt im Wirtschaftsbericht vermutlich ganz hervorragend. Der innerstädtische Verkehrskollaps sieht das anders.
„So war das nicht gedacht.“
Handelsverband Nord, nach der x-ten Sonntagsöffnung mit Stau auf dem Marienplatz
Zehn Läden, eine Logik
Was in deutschen Mittelstädten wie ein Sonderfall behandelt wird, ist in Schwerin inzwischen Normalbetrieb. Der klassische deutsche Einzelhandel streitet seit Jahrzehnten über die Sonntagsöffnung – hier wurde sie einfach hingenommen, weil sie für die Landeshauptstadt das einzige Argument ist, warum die City am Wochenende überhaupt noch belebt ist. Wer am Sonntag durch die Mecklenburgstraße läuft, sieht: Hier deckt sich das halbe Bundesland mit Klopapier ein, der Rest steht Schlange am Backshop. Die Bäckerei daneben hat genau dieselben Brötchen wie dienstags – kostet aber Sonntagszuschlag.
Für den lokalen Handel ist das ein zweischneidiges Schwert. Einerseits klingelt die Kasse, andererseits sind es nicht die Schwerinerinnen und Schweriner, die klingeln lassen. Der Umsatz stammt aus einer Region, in der die Leute vor zehn Jahren noch in ihren Heimatstädten eingekauft haben – heute fahren sie einmal quer durch den Landkreis, weil der Rewe in Schwerin-Süd an einem Sonntag geöffnet hat, zu dem in Crivitz zu sein. Die Provinz wird zur Filiale der Hauptstadt, die Hauptstadt zur Tankstelle der Provinz.
Handelsverband fordert – Handelsverband wird ignoriert
Der Ostsee-Zeitung liegen die Klagen des Handelsverbands Nord vor. Die Stoßrichtung: Sonntagsöffnung war als Belebung der Innenstädte gedacht, nicht als Umsatz-Kanone für filial-starke Ketten, die ohnehin den lokalen Mittelstand platt machen. Zehn Märkte in einer 100.000-Einwohner-Stadt, die fast alle zur selben Kette gehören, sind weder Vielfalt noch Belebung. Das ist Wettbewerbsverzerrung mit geöffneten Türen.
Was bleibt, ist die schöne neue Schweriner Realität: Eine Stadt, die sich einst als Residenzstadt mit Wochenmarkt-Idylle verstand, ist jetzt der Sonntags-Einkaufstempel für einen Einzugsbereich, der bis nach Boizenburg reicht. Der Marienplatz am Sonntagnachmittag sieht aus wie ein verkleinerter Hauptbahnhof – nur ohne den Charme. Die Stimmung im Handel ist professionell, die Stimmung im Stau ist es nicht.
Zehn Supermärkte – und kein Einziger hat ein Schild mit „Wir sind für Sie da, aber gerne auch unter der Woche“. Das wäre dann doch zu ehrlich.
Foto: Jason Zeis / Unsplash
Quelle: Ostsee-Zeitung
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