Schwerin hat eine neue Zielgruppe entdeckt: Menschen, die noch gar nicht wissen, dass sie hier arbeiten sollen. Am Freitag, 24. Juli, wird deshalb direkt vor dem Schloss um Urlauber, Rückkehrer und Familien geworben. Wer eigentlich nur das Welterbe fotografieren wollte, kann zwischen 11 und 17 Uhr gleich noch Stellenangebote, Hinweise zur Wohnungssuche und eine Beratung zum Schulwechsel mitnehmen. Der Fachkräftemangel wird in der Landeshauptstadt nicht gelöst. Er wird jetzt nur hübscher platziert.
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Das Welcome Center Schwerin und der Regionalmarketing- und Entwicklung Westmecklenburg e. V. veranstalten den Urlauberaktionstag unter dem Motto „Schwerin – hier wächst Familie“. Die Landeshauptstadt kündigt Informationen zu aktuellen Stellenangeboten, Arbeitgebern, Wohnungssuche, Kinderbetreuung und Schulwechsel an. Mit dabei ist außerdem das Jobportal mv4you. Kurz gesagt: Wer sechs Stunden vor dem Schloss stehen bleibt, bekommt das komplette Leben einmal als Informationspaket ausgehändigt.
„Vielleicht wird aus einem Urlaub der erste Schritt in einen neuen Lebensabschnitt.“
Kathrin Hoffmann, Leiterin der Wirtschaftsförderung Schwerin
Der Arbeitsvertrag liegt gleich hinter dem Glücksrad
Damit die Eltern in Ruhe über Umzug, Arbeitsplatz und Betreuungssystem nachdenken können, gibt es Kinderschminken, Ausmalbeutel, ein Glücksrad und Liegestühle. Das ist konsequent. Andere Städte locken Fachkräfte mit Gehältern, bezahlbarem Wohnraum oder einer Infrastruktur, die nicht bei jedem Bauprojekt zur mehrteiligen Tragikomödie wird. Schwerin setzt auf Glitzer im Gesicht und die Hoffnung, dass nach dem dritten Dreh am Glücksrad niemand mehr nach der Zuganbindung fragt.
Die Idee ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. In den vergangenen Jahren hätten Urlauberaktionstage zu konkreten Kontakten mit den Welcome Service Centern geführt. Am 22. Juli macht die Reihe in Boltenhagen Station, am 23. Juli auf Poel und am 24. Juli in Schwerin. Die regionale Fachkräftestrategie folgt damit einer klaren Logik: Erst zeigt man den Menschen die Ostsee, dann die Insel und am Ende den Arbeitsplatz.
Schwerin verkauft Alltag mit Schlosskulisse
Die Kulisse ist natürlich perfekt. Vor dem Schloss sieht Schwerin aus wie die Stadt, die es in Broschüren gern wäre: prächtig, historisch und frei von Formularen. Die Wohnungssuche, der Schulwechsel und der berufliche Neustart kommen erst im Beratungsgespräch. Das ist kein Betrug, sondern Standortmarketing. Ein Autohaus fotografiert den Gebrauchtwagen schließlich auch nicht neben der Werkstattrechnung. (schwerin)
Bemerkenswert ist vor allem, wie offen die Aktion das Problem zeigt. Eine Region mit genügend Fachkräften müsste Urlauber nicht am Ausflugsziel abfangen. Sie könnte darauf warten, dass Menschen wegen guter Bedingungen von selbst kommen. Westmecklenburg baut stattdessen einen Beratungsstand zwischen Schlossfoto und Familienausflug auf. Die Gäste sollen nicht nur Geld dalassen, sondern möglichst gleich ihren Lebenslauf.
Dabei verlangt Schwerin von seinen Gästen eine erstaunliche gedankliche Leistung. Sie sollen gleichzeitig das Schloss bewundern, das Glücksrad drehen, die Kinder schminken lassen und eine Entscheidung über den nächsten Wohnort vorbereiten. Andere Menschen brauchen dafür Monate, Tabellen und mehrere schlaflose Nächte. Hier soll ein Freitagnachmittag reichen. Standortpolitik wird damit zur spontanen Kaufentscheidung: Gefällt Ihnen die Aussicht? Dann nehmen Sie doch gleich die Landeshauptstadt mit.
Am Ende kann aus der Aktion tatsächlich ein neuer Job oder ein Umzug entstehen. Doch der Liegestuhl vor dem Schloss bleibt ein verdammt ehrliches Symbol: Schwerin präsentiert den Fachkräftemangel als Ferienangebot. Wenn Personalgewinnung nur noch funktioniert, solange die Bewerber glauben, sie seien noch im Urlaub, ist das Problem nicht behoben. Es trägt bloß Sonnencreme.
Foto: Wolfgang Weiser / Pexels
Quelle: Landeshauptstadt Schwerin
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