Gesellschaft

Schwerin ist voll, aber keiner gibt Geld aus: Gastronomen klagen über geizige Tagestouristen

Schwerins Innenstadt gleicht an Sommertagen einem einzigen Selfie-Point. Zwischen Schloss, Markt und Pfaffenteich drängen sich Touristen, Schulklassen und Bustouristen – soweit, so bekannt. Was die Stadt in ihren offiziellen Tourismus-Statistiken allerdings nicht so gerne aufschreibt: Die Meute bringt zwar Beine und Handys mit, aber kaum einen Cent in die Kassen der heimischen Gastronomie. Wie die Ostsee-Zeitung berichtet, kommen die meisten Tagestouristen mit Rucksack, Stullenpaket und Wasserflasche – das Geld bleibt zu Hause oder im Ferienhaus an der Küste.

Voll, aber geizig

Wer in Schwerin ein Eis, ein Schnitzel oder wenigstens einen Kaffee verkaufen will, erlebt derzeit eine brutale Lektion in Sachen Gästezusammensetzung. Die Stadt ist voll – ja. Die Theken sind voll – nein. Kneiper und Restaurantbesitzer klagen, dass die Tagesgäste das Schloss anschauen, eine kleine Ehrenrunde um den See drehen und dann im Bus wieder verschwinden, bevor die Rechnung kommt. Lokal-Inhaber Kevin Brunner bringt es gegenüber der OZ auf den Punkt: „Die Leute laufen rein, gucken auf die Karte, fotografieren das Ambiente und gehen wieder. Wir sind hier die Deko für deren Urlaubsfotos.“

Was wie ein Witz klingt, ist für viele Wirte bitterer Alltag. Statt voller Tische gibt es volle Bürgersteige, statt gut gefüllter Kassen gibt es nur gut gefüllte Warteschlangen vor öffentlichen Toiletten und Souvenirshops. Die Landeshauptstadt erlebt gerade live, wie man Tourismus betreiben kann, ohne dass auch nur ein Cent Umsatz bei denjenigen ankommt, die dafür gearbeitet haben.

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Wenn 10.000 Leute durch die Stadt laufen, aber keiner was bestellt, dann ist das kein Tourismus – das ist ein Volkslauf mit Kamera.

Landeshauptstadt der Selfies

Ein Schweriner Gastronom, der namentlich lieber ungenannt bleiben möchte, sagte gegenüber der Redaktion: „Wir sind eine Landeshauptstadt mit Schloss und Seen. Wir haben das alles. Aber wir haben offenbar nicht das, was einen Touristen dazu bringt, hier auch nur einen Kaffee zu trinken.“ Die Hypothese liegt nahe: Schwerin verkauft Atmosphäre – und die ist gratis. Wer einmal das Foto vom Pfaffenteich gemacht hat, ist kulturell versorgt. Was danach käme, nämlich Konsum, ist für viele Tagestouristen offenbar ein bürgerliches Missverständnis.

Die Stadtverwaltung verweist gerne auf die Gästezahlen, die wirklich beeindruckend sind. Was sie seltener thematisiert: die Verweildauer. Wer morgens mit dem Reisebus anrollt und abends in Binz im Bett liegt, gibt sein Geld nicht auf dem Marienplatz aus. Was bleibt, sind volle Innenstädte, gefüllte Selfie-Speicher – und das schale Gefühl, eine der schönsten Landeshauptstädte des Landes zu sein, in der trotzdem nichts hängenbleibt.

Wenn die Stadt zum Museum wird

Die Pointe ist so alt wie der Tourismus selbst: Wer nur dasitzen, staunen und weiterziehen will, kann das in jedem Freilichtmuseum haben. Schwerin hat das Potenzial für mehr – Restaurants mit Seeblick, Biergärten am Wasser, eine Küche, die den Berlinern längst voraus ist. Stattdessen wird die Stadt zum begehbaren Postkartenset: anschauen, ablichten, abhauen. Die Gäste buchen die Kulisse, nicht die Stadt. Und Schwerin liefert genau das – eine perfekte Bühne für ein Stück, das im Souvenirshop endet.

Am Ende bleibt eine Rechnung offen, die niemand bezahlen will: Die Gastronomen finanzieren den freien Eintritt zu Schwerins schönster Sehenswürdigkeit, dem Schloss, mit ihren leeren Tischen. Sie halten Personal, Miete und Waren vor, damit Touristen einen kostenlosen Pausengarten vorgefunden. Irgendwann, so der OZ-Bericht, werden genau diese Betriebe schließen. Dann bekommt Schwerin, was es sich gerade erarbeitet: eine Innenstadt mit noch mehr Charme und noch weniger Cent in der Kasse.

Die Stadt, die sich selbst nicht bezahlt, hat wenigstens ihre Selfie-Quote erfüllt. So sieht der Tourismus der Zukunft aus: voll, hübsch, und für die Einheimischen ein bisschen wie ein neuer Museumsrundgang – nur dass die meisten Gäste das Museum nicht betreten.

Foto: Wolfgang Weiser / Pexels

Quelle: Ostsee-Zeitung

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