Schwerin gibt sich gern weltoffen. Am Mittwoch um 10.30 Uhr hissen Oberbürgermeister Sebastian Ehlers und Stadtpräsidentin Mandy Pfeifer vor dem Rathaus die Flagge des Bündnisses „Mayors for Peace“ – jenem Netzwerk, das 1982 der Bürgermeister von Hiroshima gegründet hat, kurz nachdem zwei Atombomben seine Stadt verwüstet hatten. Seinerzeit flogen die Sprengköpfe noch im Fallschirm herunter. Heute tun sie das auch. Nur präziser.
Über 600 deutsche Städte machen bei der Aktion mit, weltweit sind es über 8.000. Sie alle demonstrieren am 8. Juli ihre tiefste Verbundenheit mit dem Gedanken „Nie wieder“. Schwerin, immerhin Landeshauptstadt, ist natürlich dabei. Was die Stadt aber nicht sagt, während sie die Fahne schwenkt: Deutschland ist über die NATO direkt an einer der größten nuklearen Arsenale Europas beteiligt – und Schweriner Steuerzahler finanzieren das irgendwie mit.
Büchel ist 500 Kilometer entfernt – das passt schon
Auf dem Flughafen Büchel in der Eifel lagern nach Angaben der Bundesregierung etwa 15 bis 20 amerikanische Atombomben. Für die zielgenaueren B61-12 und die neuen Kampfjets vom Typ F-35 wurde der Platz für über zwei Milliarden Euro nachgerüstet. Im Ernstfall sollen deutsche Piloten die Bomben nach Russland tragen – was das Atomwaffenabkommen New-START übrigens gerade wegen einer russischen Verletzung als endgültig tot erscheinen lässt. Aber werfen wir der Welt mal eine Stadtverordneten-Flagge entgegen, dann sieht die Welt das bestimmt.
„In Schwerin flaggt es sich besonders gut, weil man von hier aus kein Rauschen hört, wenn die B61-12 aufmunitioniert werden.“
Anwohner in der Puschkinstraße zeigten sich am Montag unbeeindruckt. „Mir egal, ob da eine Flagge weht oder nicht“, sagte ein Passant, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. „Solange das Wetter mithält, soll die Stadt ihre Stofffetzen hissen.“ Eine ältere Dame, die regelmäßig vor dem Rathaus ihre Enkelin abholt, brachte es auf den Punkt: „Haben wir das nicht schon mal gemacht? Vor zehn Jahren? Zwanzig?“ Sie habe den Überblick verloren, was Schwerin wann wofür beflaggt. Die Stadt teilte auf Anfrage mit, dass sie den Flaggenappell „in vollem Umfang“ unterstütze – wie eigentlich alle symbolpolitischen Aktivitäten, die keine Ausgabe verursachen.
Mahnmale in Japan, Atomwaffen in Europa – das passt nicht zusammen, aber das soll es auch nicht
Die Mayors for Peace wurden aus einem konkreten Anlass gegründet: Hiroshima und Nagasaki 1945. Die Idee dahinter ist klar – die Erinnerung wachhalten, damit sich ein Atomwaffeneinsatz nie wiederholt. Schwerin bekennt sich dazu. Wenn aber gleichzeitig die Stationierungsdebatte läuft, europäische Atombewaffnung debattiert wird, und Indien und Pakistan sich grade die Köpfe einschlagen, hat dieses Gedenken einen Geschmack von: Wir wollen mitfeiern, was wir selbst mitfinanzieren.
Die Mahnwache am Mittwoch beginnt 10.30 Uhr am Rathaus. Bei Kaffee aus dem Bioladen schräg gegenüber wird es Andacht und Applaus geben. Wer danach fragt, was die Stadt eigentlich selbst tun kann, um die Schweriner Atombewaffnung in Form von Steuer-Euros zu mindern, dem wird erklärt: Das sei „leider Sache der Bundespolitik“. Was auch erklärt, warum Schwerin an dieser Stelle nur Flagge zeigt – aber dasitzen, wo entschieden wird, das wäre dann doch zu unbequem.
Foto: Tmv23 / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Quelle: Stadt Schwerin
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