Politik

Schwerin hat eine Stadtfamilie — und die hat einen Hoflieferanten: 700.000 Euro später fragt keiner mehr, warum

Die Schweriner Stadtfamilie ist ein seltsames Biotop. Man kennt sich, man duzt sich in der vierten Sitzung, man trifft sich bei Stadtwerkefesten, Weihnachtsmärkten und Sparkassen-Empfängen, und am Ende des Tages zahlen alle an denselben Empfänger. Diesen Empfänger kennt die Stadt inzwischen beim Vornamen, bezahlt wird er trotzdem. Mit reichlich Schweigen.

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Holger Herrmann ist Geschäftsführer der Schweriner Druckerei und Kommunikationsagentur maxpress und der Hauspost. In einem ausführlichen Statement an schwerin.news weist er den Verdacht zurück, über seine geschäftlichen und politischen Kontakte Einfluss auf Personalentscheidungen oder Aufträge innerhalb der Stadtfamilie genommen zu haben. Weder informelle Wahlkampfhilfe für Oberbürgermeister Sebastian Ehlers noch Personalempfehlungen an kommunale Unternehmen — alles nicht passiert. Punkt. Aus. Ende der Geschichte.

Wäre da nicht das Kleingedruckte. Denn die kommunalen Unternehmen — Nahverkehr Schwerin GmbH, Stadtwerke, Wohnungsgesellschaft, SIS, Schweriner Abwasserentsorgung, Zoo — bestätigen im selben Atemzug, dass sie regelmäßig mit maxpress, Hauspost und zum Teil direkt mit Holger Herrmann Kontakt haben. Geschäftsbeziehungen, klar. Kreativleistungen, Abstimmungen, Grafik. Alles völlig normal.

Siebenhunderttausend Euro sind kein Geld — sondern Vertrauen

Allein die Nahverkehr Schwerin GmbH überwies zwischen 2020 und 2025 insgesamt 208.580 Euro an maxpress. Die SIS, Schweriner Service- und Informationsgesellschaft, kommt im Schnitt auf rund 58.000 Euro netto pro Jahr — rechnerisch fast 350.000 Euro in sechs Jahren. Die Stadtwerke zahlten 2025 weitere 49.066 Euro für die Hauspost, Agenturleistungen von maxpress noch nicht eingerechnet. Die Schweriner Abwasserentsorgung gibt zwischen 12.000 und 19.000 Euro pro Jahr aus. Die Wohnungsgesellschaft, die Kita gGmbH, die WAG, der Zoo, weitere kommunale Einrichtungen — alle bestätigen Aufträge, ohne die Summen offenzulegen.

Die Rechnung geht auf. Wer konservativ nur die offiziell bestätigten Zahlen addiert, kommt auf deutlich mehr als 700.000 Euro — und das ist nur das, was öffentlich zugegeben wird. In Schwerin nennt man so etwas eine gewachsene Geschäftsbeziehung. In München würde man das einen Untersuchungsausschuss nennen.

„Es gab und gibt keine Absprachen, strategische Gespräche oder informellen Unterstützungsleistungen“, sagt Herrmann. Der Auftrag für den Oberbürgermeisterwahlkampf sei mit der Stichwahl beendet worden. Fertig.

Die Stadt ist die Kasse, der Hoflieferant ist gedeckt

Was die Sache pikant macht: adju, eine Schweriner Personal- und Organisationsberatung, bezeichnet maxpress selbst als Kooperationspartner. Es gibt personelle und räumliche Überschneidungen. Herrmann sagt, in der Personalberatung sei er nicht operativ tätig. Er bestreitet, Bewerber oder Berater für kommunale Stellenbesetzungen empfohlen zu haben. Auf die Frage, ob es interne Regeln zur Trennung von Kommunikationsdienstleistungen, Wahlkampfarbeit und Personalberatung gebe, antwortet er nicht näher.

Die Verwaltungsleitung der Stadt, die Geschäftsführung der Beteiligungsverwaltung und die Werkleitung des Zentralen Gebäudemanagements räumen ein, dass ihnen die Überschneidungen teilweise bekannt waren. Vor der Beauftragung von adju wurde trotzdem keine Prüfung möglicher Interessenkonflikte vorgenommen. Die städtische Compliance-Stelle prüfte ebenfalls nicht. Zur Begründung hieß es, es habe keinen Hinweis im Sinne des Hinweisgeberschutzgesetzes gegeben.

Die Compliance-Beauftragte der Stadtwerke-Unternehmensgruppe sieht das anders. Sie prüft den Vorgang inzwischen — derselbe Sachverhalt, zwei Lesarten. Während die Stadtverwaltung keinen Anlass sieht, ermittelt ein Tochterunternehmen plötzlich doch. Man darf das getrost als Kompliment an die Stadtwerke verstehen.

Schwerin hat keine Hauptstadt-Reflexe — nur Gewohnheit

Eine fiktive Stadträtin der LINKEN, die natürlich nicht so heißt, fasst die Stimmung in der Verwaltung so zusammen: „Solange keiner im Rathaus Anzeige erstattet, ist die Lage entspannt. Und solange die Lage entspannt ist, erstattet keiner Anzeige.“ Die städtische Pressestelle antwortet auf Anfrage mit einem Hinweis auf die Eigenverantwortung der kommunalen Unternehmen. Die kommunalen Unternehmen antworten mit einem Hinweis auf bestehende Aufträge. Herrmann antwortet mit einem klaren Nein. Am Ende steht fest: In Schwerin wurde niemand beeinflusst, niemand empfohlen, niemand beauftragt — und trotzdem sind Hunderttausende Euro geflossen.

Das ist keine Affäre, sagt die Stadt. Das ist die Schweriner Erfolgsgeschichte einer familiären Auftragsvergabe, in der alle Beteiligten gleichzeitig behaupten, es gebe keine Verbindung. Wer in einer Landeshauptstadt mit 96.000 Einwohnern lebt, in der sogar die Schlaglöcher pünktlich zur Wahl wiederkommen, wundert das nicht mehr. Es wundert nur, dass es überhaupt jemand fragt.

Maxpress-Chef Herrmann hat unterdessen klargestellt, dass bisherige Berichterstattung über ihn und seine Unternehmen nach einer rechtlichen Prüfung nicht dem Pressekodex entspreche. Er fordert, seine Antworten nur vollständig und im jeweiligen Zusammenhang zu verwenden. Diesen Wunsch respektieren wir ausdrücklich. Nur den Zusammenhang müssen wir uns leider selbst aussuchen.

Foto: Dguendel / Wikimedia Commons / CC BY 3.0

Quelle: schwerin.news

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