Klartext

Schwerin hat den nächsten Dachschaden

Wer in Schwerin die letzten Großprojekte der Stadt beobachtet hat, kennt das Muster: Was die Stadt sich vornimmt, wird teuer, später und selten gut. Die Radsporthalle am Lambrechtsgrund ist das nächste Kapitel dieses Trauerspiels.

Hier die Kurzfassung: Die Halle kostet 25 Millionen Euro, ist als Bundes- und Olympiastützpunkt für eine Handvoll Radsportler geplant, Fertigstellung frühestens Anfang 2028 – falls überhaupt. Im März hat die Stadt der Stahlbaufirma FSE Fläminger fristlos gekündigt, angeblich wegen Verzug. FSE widerspricht – die Bauteile seien vermessen, geprüft, die Planung freigegeben. Es kam zur Klage. Jetzt verkauft FSE das bereits produzierte Material auf Kleinanzeigen: 250 Tonnen Stahl, geprüfte Statik, Werk- und Montageplanung – den kompletten Stahlbau, den die Stadt fürs Hallendach bei FSE bestellt hatte. Nicht das ganze 25-Millionen-Projekt, sondern nur die läppischen paar Millionen fürs Dachwerk. Inklusive Nachhaltigkeits-Floskel und dem demonstrativen Schlusssatz: „Kein Verkauf an Schrotthändler oder Wertstoffhändler.“ Da hat jemand ein Herz fürs Marketing.

Was die Stadt dazu sagt? Schweigen. Über 250 Tonnen, die mal als Verschwendung kritisiert wurden. Das Schweigen ist Programm.

Statt der Stadt hat jetzt Stephan Schrör reagiert, Galerist der FreshEggsGallery in der Schweriner Hyparschale. Er kauft das Material und will daraus die Kunstinstallation SCHILDA machen – draußen, im Grünen, in Sichtweite der Hyparschale. Die Stadt müsste sich bedanken. Das Material wird nicht eingeschmolzen. Der öffentliche Auftrag wandert in einen Privatbesitz. Kosten für die Stadt nicht absehbar, Imageschaden für die Stadt erst recht nicht.

Wer kommt rein

Wer kommt in die Halle, fragt man sich. Gedacht ist sie für eine sehr kleine Gruppe Profi-Bahnradsportler – aktuell zwei namhafte Radsportler aus dem Schweriner SSC plus ein Trainer. Damit ist die Nutzerliste im Wesentlichen auch schon abgehakt. Schulen, Hobbysportler, Familien: alle ausgeschlossen. Hobbysport-Vereine anderer Disziplinen hatte der Radsportverband MV 2020 mal anfragen lassen, ob Volleyball oder Leichtathletik mitnutzen dürften – die Stadt fand kein Konzept. 96.000 Schwerinerinnen und Schweriner, die 4,5 Millionen Euro städtischen Eigenanteil mitbezahlen? Kommen auch nicht rein.

Wer für 25 Millionen Euro die Halle baut und seine eigene Bevölkerung aussperrt, baut entweder eine Sportförderung für die Elite oder ein Denkmal – was es am Ende wird, entscheidet sich in den nächsten Wochen. Vielleicht an dem Tag, an dem Schrör sein SCHILDA aufstellt und feststellt, dass auf der Lambrechtsgrund-Wiese mehr Leute stehen als je in der Halle trainieren werden.

Was noch werden könnte

Drei Hypothesen, der Reihe nach. Nicht alles davon wird eintreten. Aber alles davon könnte.

Geld-zurück-Premiere. SCHILDA wird eine der teuersten Kunstübernahmen, die je innerhalb Schweriner Stadtgrenzen stattgefunden haben. Finanziert mit Steuergeld, geliefert als Privatbesitz. Was die Stadt an Stahlbau für die 25-Mio-Halle bestellt hatte – minus was Schrör zahlt – ist der bisher größte Kunsttransfer der Stadtgeschichte. Schwerin wird daran gemessen werden.

Brücke über den Pfaffenteich. In Schwerin macht inzwischen ein weiterer Vorschlag die Runde: Warum die Stahlsäulen nicht gleich weiterverwenden, als Brücke über den Pfaffenteich? Der Pfaffenteichdampfer, der sonst über den See schippert, liegt gerade kaputt im Wasser – niemand weiß, was man damit machen oder wer die Reparatur bezahlen soll. Eine Stadt, die nicht mal ihr eigenes Boot wieder flott kriegt, soll jetzt eine Brücke aus 250 Tonnen Pleite-Stahl tragen. Der See ist schmal genug, die Säulen sind lang genug. STRABAG, bitte übernehmen Sie.

Geschenkt. Bekommt Schrör das Material womöglich umsonst – nur damit die Stadt das Problem vom Tisch hat? Wer Schrörs Aktion aus Verwaltungssicht denkt, landet bei dieser Frage. Eine Stadtverwaltung, die froh ist, wenn jemand ihren Bauschrott aufhebt, handelt bekanntlich ungern nach Kassenlage. Ob er dafür am Ende einen Pfennig bezahlt, einen symbolischen Euro, oder ob der Deal stillschweigend über die Bühne geht, weiß gerade niemand.

Und nun?

Die Ausschreibung für den neuen Stahlbau läuft bis Donnerstag, 24. Juli. Danach entscheidet sich, ob die Stadt ihr eigenes Gebäude noch fertig bauen kann – oder ob die nächste Etappe nur ein weiterer Hügel aus Material wird. Sicher ist nur eins: Schrör wird das alte Material übernehmen. Was die FSE im Gegenzug von der Stadt einklagt, wie viel am Ende an Mehrkosten steht – das weiß in Schwerin gerade niemand.

Was man jetzt schon weiß: Wird SCHILDA das erste Kunstwerk Schwerins, das länger steht als das Gebäude, für das es gemacht wurde? Falls ja: Wie der BER. Nur ehrlicher. Die Halle selbst hat dann, vielleicht, gerade mal zwei Räder im Trockenen.

Und falls die Archäologen in hundert Jahren auf dem Lambrechtsgrund graben, finden sie vielleicht eine vergilbte Tafel: „Hier stand einmal eine Halle für zwei Radsportler. Daneben das Kunstwerk SCHILDA – erbaut 2026 aus den Trümmern der Halle, die nie fertig wurde.“ Wie der Berliner Flughafen – nur ehrlicher.


Foto (Header): AgentZ, über Axel Roller. Auf dem Bild zu sehen: Stephan Schrör, Galerist der FreshEggsGallery, am Pfaffenteich.

Quellen: Schwerin-Lokal.de „Radsporthalle Schwerin: Galerist will Hallendach retten“ (17.07.2026), Schwerin-Lokal.de „Dach der neuen Radsporthalle bei Kleinanzeigen zu verkaufen“ (03.07.2026), schwerin.news „250 Tonnen Stahl, Statik und Planung – Radsporthallen-Bauteile landen bei Kleinanzeigen“ (03.07.2026), schwerin.news „Erhebliche Verzögerung bei Radsporthalle Schwerin. Fertigstellung frühstens Anfang 2028″ (02.05.2026), NDR „Radsporthalle Schwerin: Stahlbaufirma klagt gegen Stadt“ (10.07.2026), Schwerin.de Pressemitteilung „Radsporthalle im Lambrechtsgrund: Stadt kündigt Vertrag mit Stahlbaufirma“ (13.03.2026), Kleinanzeigen-Inserat der FSE, Schrör-Statement über Axel Roller (18.07.2026).

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