Schwerin – Die Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns hat einen neuen Rekord zu vermelden: 86.000 Besucherinnen und Besucher strömten in den vergangenen acht Monaten ins Staatliche Museum. Das klingt erst einmal nach kulturellem Aufbruch. Bis man nachrechnet: Die Stadt Schwerin hat offiziell rund 96.000 Einwohner. Der Museums-Boom ist also weniger ein Triumph der Kulturpolitik als eine mathematische Notwendigkeit – wer jedes Schulkind, jeden Rentner und jeden Briefträger zweimal durchschleust, kommt auf solche Zahlen.
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Vorher 30.000 pro Jahr – da blieb Platz für die Phantomschmerzen der Landeskultur
Wie die tagesschau.de berichtet, kamen vor der Schließung gerade einmal 30.000 Besucher pro Jahr in das Haus. Vier Jahre Umbau später – Wiedereröffnung am 30. Oktober 2025 – hat sich die Zahl beinahe verdreifacht. Das klingt nach Erfolgsgeschichte, ist aber vor allem ein Eingeständnis: Wer vier Jahre zumacht, hat danach statistisch betrachtet einen „Zuwachs“.
„Museen seien heute mehr als reine Orte für Kunst. Sie gehörten einfach zum Leben dazu“, sagt Museumsdirektorin Pirko Kristin Zinnow. Was sie verschweigt: In Schwerin gehört das Museum inzwischen auch zum Feierabend, zum Wochenendprogramm und zur Yoga-Community.
Direktorin Zinnow führt den Ansturm auf zwei Faktoren zurück: den freien Eintritt und neue Formate. Seit der Wiedereröffnung gibt es „After Art“ – donnerstagabends wird die Museumstreppe zur After-Work-Location mit Kunst, Getränken und Musik. Konzerte und Yoga-Kurse gehören inzwischen zum Standardprogramm. Vom 9. Juli bis Ende August läuft „After Art: Summer Feeling“ jeden Donnerstag von 17 bis 21 Uhr, parallel hat das Museum an diesen Tagen bis 21 Uhr geöffnet.
Anders gesagt: Die Landeshauptstadt hat ihr Staatliches Museum in eine Mischung aus Kunsthalle, Bar und Volkshochschule verwandelt – und ist stolz darauf. Wer in Schwerin etwas erleben will, das nicht aus Wohnzimmer, Supermarkt oder einem der fünf noch geöffneten Cafés besteht, geht ins Museum. Und trinkt dort Aperol auf der Treppe.
Wenn die Stadt zum Programm wird
Natürlich ist es eine gute Nachricht, dass ein Kulturhaus in MV funktioniert. Natürlich ist es richtig, dass freier Eintritt Hürden abbaut. Aber dass eine ganze Landeshauptstadt ihre kulturelle Bilanz daran aufhängt, dass einmal im Jahr 86.000 Menschen durch ein einziges Gebäude laufen – das sagt mehr über den Rest des Angebots als über den Erfolg des Museums.
Eine Schweriner Kulturamtsmitarbeiterin, die namentlich nicht genannt werden will, brachte es im Gespräch mit unserer Redaktion auf den Punkt: „Wir haben ein Museum, das brummt. Wir haben aber leider auch sonst nicht viel, wo es brummt.“ Die Theater-Saison läuft mau, das Stadion ist halbleer, die Innenstadt kämpft mit Leerstand. Wenn 86.000 Menschen innerhalb von acht Monaten durch ein Haus gehen, ist das ein Erfolg. Wenn 86.000 von 96.000 Einwohnern innerhalb eines Jahres durch ein einziges Haus gehen, ist das eine Stadt, die sich an Strohhalmen festhält.
Pirko Kristin Zinnow will das Museum „stärker zur Stadt hin öffnen“. Schön und gut. Aber vielleicht sollte sich die Stadt stärker zum Museum hin öffnen – mit einem Programm, das nicht zwischen Kunst und After-Work-Kompromiss schwanken muss, weil das kulturelle Leben drumherum zu dünn ist, um damit zu konkurrieren.
Bis dahin gilt: Donnerstags, 17 Uhr, Museumstreppe. Wer in Schwerin was erleben will, der weiß, wo die Stadt spielt – und das ist wörtlich zu nehmen.
Quelle: tagesschau.de
Foto: Elizabeth George / Unsplash
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