Willkommen in Schwerin, liebe Leserinnen und Leser. Es gibt Neuigkeiten aus der Bildungsfront, die so gewaltig sind, dass sie eigentlich in die Abendschau gehören. Eine Telefonzelle hat ausgedient. Sie wurde umgebaut. Und jetzt steht sie im Stadtteil Werdervorstadt, direkt am Freizeithort der Schule Nordlichter am Ziegelsee, und beherbergt Bücher. Für Kinder. Wir wiederholen: für Kinder. Damit die wissen, wie ein Buch aussieht, wenn es kein Tablet ist.
Die erste Bücher-Tauschbox ihrer Art in Schwerin
Die Kita gGmbH hat das kleine Literaturhäuschen anlässlich ihres 25-jährigen Jubiläums aus der Taufe gehoben. Man darf sich kurz fragen: Warum erst jetzt? Schwerin ist Landeshauptstadt, hat einen Landtag, eine Staatskanzlei, ein Staatstheater, einen zoo mit Löwen und seit Neuestem offenbar das dringende Bedürfnis, seinen Kindern das Prinzip Tauschhandel beizubringen. Ein Buch rein, ein Buch raus. Die altehrwürdige Tradition der Bibliothek, nur ohne Bibliothekarin, ohne Ausweis, ohne diese lästige Frage, ob man schon fünfzehn ist.
Es ist ein Projekt, das uns gleichzeitig froh und traurig macht. Froh, weil etwas passiert. Traurig, weil wir feiern müssen, dass Schwerin seine erste Kinderbücher-Tauschbox bekommt, als wäre es die Mondlandung. Eine Telefonzelle wird umfunktioniert. Damit Kinder lesen. Das ist so liebevoll, dass man eine Träne verdrücken könnte. Und es ist so provinziell, dass man eine zweite verdrücken könnte.
Ein Buch rein, ein Buch raus. Wir nennen das jetzt Kinderliteratur-Innovation. Klingt mehr nach Förderantrag.
Die schwere Geburt eines Schranks, der Bücher enthält
Der Gedanke dahinter ist bestechend einfach: Kinder geben Bücher ab, die sie nicht mehr brauchen. Andere Kinder nehmen sich Bücher mit, die sie brauchen können. Es ist die Revolution des Teilens, nur ohne iPad. Telefonzellen eignen sich hervorragend dafür, weil sie klein sind, weil sie stabil sind und weil man in Schwerin offenbar mehr leere Telefonzellen als Buchläden hat. Eine Telefonzelle, die einmal dafür da war, dass Schweriner mit ihren Liebsten telefonieren konnten, wird jetzt zur Bibliothek. So schnell geht das.
Man stelle sich vor, wie das aussehen wird. Werdervorstadt, Nachmittag, ein Kind schiebt die schwere Tür auf. Greift sich ein Bilderbuch. Legt ein altes Donald-Heft hinein. Geht nach Hause. So muss Resozialisierung gehen. Nur eben für Bücherwürmer.
Wir sind ehrlich gesagt gespannt, wie lange es gut geht. Erfahrungsgemäß werden solche Tauschboxen innerhalb weniger Wochen zu Mülleimern, weil jemand glaubt, Getränkedosen seien eine kulturelle Bereicherung. Hoffen wir, dass es dieses Mal anders ist. Hoffen wir, dass die Schweriner Kinder ihre Telefonzelle in Ehren halten. Sie ist schließlich die Erste ihrer Art. Da wäre es schön, wenn sie nicht die Letzte bleibt.
Was bleibt
Was bleibt, ist ein gutes Gefühl. Eine Telefonzelle, die nicht abgerissen, sondern umfunktioniert wurde. Ein Jubiläum, das nicht nur gefeiert, sondern sichtbar gemacht wurde. Und die leise Hoffnung, dass Schwerin auch die nächsten fünfundzwanzig Jahre nicht nur über Bauprojekte redet, sondern zwischendurch auch mal ein Bücherhaus aus dem Boden stampft. In einer Telefonzelle. Für Kinder. Das ist zwar klein, fühlt sich aber trotzdem wie ein kleiner Sieg an.
Schwerin hat jetzt eine Telefonzelle voller Kinderbücher. Damit ist der Bildungsnotstand offiziell beendet. Fehlt nur noch das WLAN.
Foto: Kayl Photo / Unsplash
Quelle: NDR
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