Gesellschaft

Schwerin entdeckt die Museumstreppe – donnerstags wird hier der Feierabend zelebriert

Schwerin entdeckt die Kunst – und zwar auf der Treppe. Beim neuen Format „After Art – Donnerstag“ verwandelt sich die Stufenfront des Staatlichen Museums am Donnerstagabend in eine Mischung aus Café, Kunstgang und Szenekneipe. Die Idee: Kunst angucken, Leute treffen, Feierabend auf der Museumstreppe vertrödeln. Wer sagt eigentlich, dass Museum immer leise, langsam und ein bisschen verstaubt sein muss? Schwerin zeigt gerade: Geht auch anders.

Seit der Wiedereröffnung des Staatlichen Museums strömen die Leute – und zwar richtig viele. Mehr als 86.000 Besucherinnen und Besucher in acht Monaten. Der Grund ist eine Mischung aus freiem Eintritt, neuen Formaten und der schlichten Tatsache, dass das Haus seine bisherige Funktion als „Schweriner Kunstspeicher mit Öffnungszeiten wie ein Steuerberater“ abgelegt hat. Donnerstagabends wird die Treppe zum Treffpunkt; dazwischen plaudert man über Monet, schlürpt Wein und lächelt über Dinge, die früher nur im Feuilleton standen.

Wenn 86.000 Menschen in acht Monaten kommen, hat Schwerin gerade sein kulturelles Erstherz entdeckt

Schwerin ist die Stadt, deren Identität über Jahrzehnte an Seen, Schlössern und der Frage hing, warum die CDU hier drei Mal so stark ist wie überall sonst. 86.000 Museumsbesucher in acht Monaten – das entspricht ziemlich genau der Einwohnerzahl der gesamten Altstadt. Rechnerisch hat jeder einmal auf die Stufen gewunken. Mindestens. Manche offenbar mehrmals, denn auf den Social-Media-Kanälen der Stadt tauchen die Treppenstufen im Wochentakt auf, immer mit demselben Hintergrund, aber neuen Gesichtern. Irgendwann wird das sein eigenes Selfie-Ritual.

„Wir haben nicht freien Eintritt eingeführt, damit alle einmal kommen – sondern damit alle wiederkommen.“ – Museumsleitung, vermutlich.

Reporterin Dagmar Lembke hat die Stimmung eingefangen. Ihr Bericht klingt wie ein Reiseführer, nur ehrlicher: Leute da, Kunst da, ein bisschen Sekt, ein bisschen Regen, und der Abend tut allen gut. Das ist genau das, was Schwerin seit Jahren fehlte – nicht mehr Kultur, sondern das Gefühl, dass sie nichts kostet, wenn man sie teilt. Die Skepsis, die das Publikum über Jahrzehnte gegenüber dem Haus aufgebaut hatte, schmilzt bei jedem Treppensitz weg. Wo man früher dachte: „Da gehen nur Touristen oder Rentner rein“, denkt man jetzt: „Da könnte ich Freitag eigentlich auch noch mal hin.“

Donnerstags wird Schwerin urban – die anderen Wochentage bleiben Verlegenheitspause

Was freier Eintritt wirklich verändert, ist nicht die Kunst, sondern der Zugang zu ihr. Wer nicht erst über den Familiensparstrumpf entscheiden muss, ob er sich einen Museumsbesuch leistet, geht auch spontan. Der Effekt ist in Rostock, Hamburg und Köln längst sichtbar; Schwerin zieht jetzt nach – acht Monate und 86.000 Menschen später spricht niemand mehr von „unseriösem Wegwerfen von Steuergeld“. Wer auf der Treppe sitzt, hat das Argument längst vergessen.

Die Donnerstagstreffen werden so etwas wie der kleine Bruder der Münchner „Langen Nacht“, nur ohne München, ohne Touristenmassen und mit deutlich mehr Wind von der Pinnower See-Seite. Was bleibt, ist ein Versprechen: Wer seine Stadt ein bisschen anders erleben will, muss dafür nicht nach Berlin fahren – die Treppe reicht. Und der Feierabend ist ab sofort offiziell Museum.

Foto: Dguendel / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Quelle: NDR

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