Gesellschaft

Schwerin entdeckt die AU-Pflicht ab Tag eins: Wer krank ist, gehört ins Wartezimmer

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte das Thema schon vor Monaten angekündigt, jetzt sickert die Linie durch: Wer in Deutschland krank ist, soll ab 2027 nicht mehr drei Tage warten können, bis er eine Krankschreibung einholt – sondern ab dem ersten Tag zum Arzt laufen, gelbes Formular holen, dem Chef vorlegen. Klingt vernünftig. Ist es auch, wenn man in Schwerin wohnt, eine Hausarztpraxis in 800 Metern hat und der Termin innerhalb von zwei Stunden klappt.

Wer auf dem Land wohnt, sieht das anders. Mecklenburg-Vorpommern hat laut Kassenärztlicher Vereinigung die niedrigste Hausarztdichte aller westlichen Bundesländer. In manchen Landkreisen kommen auf einen Arzt über 1.600 Patienten. Wer dort am Montagmorgen mit 39,8 Grad Fieber aufwacht und um 8 Uhr in der Praxis anruft, bekommt den Hinweis: „Heute voll, kommen Sie morgen wieder.“ Also steht man auf, fährt 25 Kilometer ins nächste Dorf, sitzt zwei Stunden im Wartezimmer, weil andere auch erkältet sind – und steckt dabei fünfzehn Leute an. So viel zum Infektionsschutz.

„Wer krank ist, gehört ins Bett – nicht ins Wartezimmer“

Die Liberalen Frauen Mecklenburg-Vorpommern haben sich jetzt positioniert, und zwar deutlich. Whitney Bräunig, stellvertretende Landesvorsitzende der FDP-Frauen im Nordosten, kritisiert die Pläne scharf. Sie zitiert eine ganz einfache Logik: Wer krank ist, gehört ins Bett – nicht in ein Wartezimmer voller hustender Mitmenschen. Die Vorschläge der Bundesregierung seien ein weiterer Sargnagel für die ländliche Versorgung.

„Wer erkältet in Schwedt aufwacht, soll nicht erst 45 Kilometer nach Anklam fahren, nur damit ein Arzt ihm bescheinigt, dass er tatsächlich krank ist. Das ist keine Gesundheitspolitik, das ist Bürokratie-Tourismus.“

Bräunig verweist auf die drei wesentlichen Nebenwirkungen der geplanten Maßnahme: mehr Ansteckungen durch überfüllte Wartezimmer, eine zusätzliche Belastung der ohnehin überlasteten Landarztpraxen und ein faktischer Mehraufwand für Arbeitgeber, die ihre Belegschaft jetzt taggenau dokumentieren müssen. Aus liberaler Sicht ist das eine Mischung aus Kontrollwahn und Undienst am Patienten.

Aus Berliner Sicht sieht das vermutlich anders aus. Dort, wo jeder zweite Beschäftigte im Homeoffice sitzt und der Hausarzt zwei S-Bahn-Haltestellen entfernt ist, fühlt sich die Pflicht zur Tag-eins-Bescheinigung praktisch an. In MV wird sie zum Schildbürgerstreich: Wer wegen einer Erkältung zum Arzt muss, braucht entweder ein Auto, einen Taxischein oder den Mut, sich bei 39,8 Grad Fieber in den Bus nach Wismar zu setzen. Drei Tage Selbstauskunft waren dann wohl doch die humanere Lösung.

Schweriner Spezialfall: Arzttermin am ersten Tag

In Schwerin selbst ist die Lage weniger dramatisch als im Umland – aber auch hier gibt es Praxen, die am Montagmorgen nicht rangehen. Eine Stichprobe in der Innenstadt zeigt: Sechs von zehn Hausarztpraxen vergeben am gleichen Tag keinen Termin mehr, wenn man morgens um 9 Uhr anruft. Wer Pech hat, wird an den ärztlichen Bereitschaftsdienst verwiesen – und wer den am ersten Krankheitstag anruft, landet in einer Warteschleife, die so lang ist wie die Lieferzeit der Bundeswehr.

Die Liberalen Frauen fordern, dass die Bundesregierung „die Lebensrealität auf dem Land akzeptiert, statt bundesweites Einheitsdenken zu betreiben“. Für Schwerin und die Region heißt das: Wer schon vor der AU-Pflicht das Problem hat, überhaupt einen Termin zu bekommen, wird es danach nicht besser haben. Eher schlimmer. Denn wenn alle gleichzeitig am Tag eins zum Arzt müssen, dann stehen alle gleichzeitig Schlange. So lässt sich eine Krankheitswelle auch konsequent verschlimmern.

Update: In Sachsen hat die dortige FDP-Landtagsfraktion parallel angekündigt, einen eigenen Antrag in den Bundesrat einzubringen, um die Pläne zu stoppen. Bräunig in Schwerin hofft auf Unterstützung aus dem Westen – und darauf, dass der ein oder andere erkältete Berliner den Unterschied zwischen Stadt und Land dann doch noch versteht.

Foto: RDNE Stock project / Pexels

Quelle: schwerin.news

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