In Schwerin wird gebuddelt. Mal wieder. Diesmal nicht irgendwo, sondern gleich an elf Straßen gleichzeitig — darunter Schweriner Institutionen wie die Alexandrinenstraße am Pfaffenteich, die Hermannstraße und die Wismarsche, durch die ohnehin jeder zweite Schweriner täglich irgendwie durch muss.
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Die Stadtwerke haben jetzt dem Aufsichtsrat vorgerechnet, was der Ausbau des Fernwärmenetzes bis 2045 kosten wird: 7,5 Millionen Euro allein für die Jahre 2026 bis 2028. Klingt erst mal nach viel. Ist aberwitzig wenig, wenn man die zweite Zahl daneben legt: 54 Kilometer neue Leitungen sollen in den nächsten 19 Jahren verlegt werden. Macht 2,8 Kilometer pro Jahr. Also rund 7,7 Meter pro Tag. Bei einer 9-Stunden-Bauschicht. Mit Kaffeepause.
Willkommen in der Landeshauptstadt, wo Infrastruktur in Generationen gedacht wird — nicht in Legislaturperioden, sondern in Schüler-Praktika-Generationen.
Bagger 2031, Bagger 2042
Die Stadtvertretung hat in ihrer letzten Sitzung vor der Sommerpause die kommunale Wärmeplanung beschlossen. Klingt nach Tatendrang, ist aber vor allem ein Dokument mit vielen Wörtern, die mit „könnte“, „sollte“ und „wird geprüft“ anfangen. Konkret heißt das: Bis 2045 soll der Anteil der Fernwärme an der Schweriner Wärmeversorgung von aktuell 63 auf 80 Prozent steigen. Das sind 17 Prozentpunkte. In 19 Jahren. Jedes Jahr also knapp ein Prozentpunkt mehr.
Für die Anwohner der Hermannstraße heißt das: Baustelle 2027. Komplett. Beidseitig. Die Anwohner der Wismarschen Straße dürfen sich ab Herbst 2026 auf die Generalsanierung freuen — und ab 2027 kommt dann der Fernwärme-Ausbau on top. Wer dort wohnt, sollte sich entweder einen Vorrat an Ohrstöpseln und Starkbier anlegen, oder spätestens jetzt die Wohnung wechseln.
„Das ist Schwerin-Tempo. Wir planen in Jahrzehnten, weil wir wissen: Wer heute Spaten in die Hand nimmt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit in Rente, bevor der letzte Bagger abzieht.“
Anwohner der Mecklenburgstraße, schriftliche Beschwerde beim Bauamt, 14. Juli 2026
Eine Generation Schweriner bezahlt das
Die Stadtwerke schreiben in dem Brief an den Aufsichtsrat, dass die Summen „lediglich den Bedarf für die neu zu errichtenden Versorgungsleitungen“ darstellen — Speicher etwa seien da noch gar nicht eingerechnet. Man darf das also als Vorschau auf eine Endabrechnung verstehen, die vermutlich erst die nächste Stadtvertretung in voller Höhe zu sehen bekommt.
Fest steht: Rund 3.200 Haushalte sollen in den nächsten Jahren neu ans Netz gehen, weitere 6.500 müssen ihre Heizungen dezentral klimaneutral umrüsten — also Wärmepumpe, Pelletheizung oder Fernwärme-Anschluss bezahlen, je nachdem, in welcher Straße sie zufällig wohnen. Für viele Eigentümer eine Investition, die sich nicht jeder leisten kann, ohne vorher nochmal mit der Bank zu sprechen.
Was in dem Papier nicht steht, aber jeder Schweriner weiß: Baustellen in Schwerin sind keine Projekte, sie sind Lebensabschnitte. Wer an der Alexandrinenstraße wohnt, lernt in den nächsten Monaten jeden Bauarbeiter beim Vornamen kennen — und wird zum Experten für Umleitungen, die in den Navi-Apps noch nicht verzeichnet sind.
Immerhin: Mit etwas Glück ist die Wismarsche Straße 2042 fertig. Dann ist der Klimawandel längst auch ohne Fernwärme-Ausbau Geschichte — wenn die Schweriner bis dahin nicht alle in Hamburg wohnen.
Foto: Ruben Mavarez / Unsplash
Quelle: Nordkurier
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