Die Ostsee-Zeitung berichtet, was in Schwerin niemand offiziell zugeben will: Der Rewe in der Burgseegalerie hat dichtgemacht. Die Geschwister-Scholl-Straße 14, Schwerins Vorzeige-Quartier für Spätkäufer mit dünnem Portemonnaie und dickem Feierabend, verliert damit den einzigen Supermarkt, der nach Ladenschluss überhaupt noch geöffnet hatte. Schweriner Partykids, plötzlich Alternative suchend, müssen jetzt zu Fuß zum nächsten Rewe — was ungefähr so klingt wie der Satz „Hanni geht nüchtern“, weil alle wissen, dass Hanni nie wieder nüchtern gehen wird.
Eine Stadt, die ihren Späti nicht halten kann
Die Burgseegalerie war nie ein touristisches Highlight, kein Aushängeschild, kein Postkartenmotiv. Sie war schlicht der Ort, an dem man um halb eins nachts noch Bier, Chipstüten und die letzten drei Energy-Drinks der Stadt kaufen konnte, ohne vorher ein Taxi nach Berlin zu buchen. Genau diese Funktion hat sie verloren, und mit ihr ein Stück Lebensqualität, das jeder Jugendliche in Schwerin zu schätzen weiß und jeder Erwachsene nie zu schätzen wusste, weil er selbst längst auf dem Sofa saß. Für eine Landeshauptstadt mit knapp 96.000 Einwohnern ist das weniger Schließung als Diagnose: Wenn der einzige Spätversorger im Viertel den Bach runtergeht, läuft in der Stadt selbst irgendwas falsch.
„Ich habe 17 Jahre in der Burgseegalerie eingekauft, ich weiß gar nicht, wie das woanders gehen soll. In Wuppertal vielleicht, aber nicht hier.“ — Erfundener Stammkunde, 23, seit dem ersten Klinkenputzer Stammkunde im Rewe
Partykids zwischen Aldi und Aufgeben
Wer jetzt glaubt, dass Schwerins Party-Elite einfach in den nächsten Rewe nach Wandlitz oder wohin auch immer wechselt, hat den ländlichen Charme der Landeshauptstadt noch nicht verstanden. Die Alternative ist: ein Netto, der um 22 Uhr schließt, oder der Edeka auf der anderen Seite des Pfaffenteichs, der nur mit dem Bus erreichbar ist und dessen Parkplatz einem Slalomkurs gleicht. Junge Leute, die eben noch zwischen Waffelbruch und Energy-Drink standen, sollen jetzt also entweder den ÖPNV-Fahrplan studieren oder mit dem Rad durch die Innenstadt radeln, nur weil irgendein Rewe-Manager in Hamburg entschieden hat, dass eine Filiale in der Burgseegalerie nicht rentabel genug ist. Wer in Schwerin feiern will, muss jetzt halt vorplanen wie in einem mittelgroßen Dorf.
Man darf das nicht überbewerten. Es ist ein Supermarkt, kein Kulturdenkmal. Aber es ist bezeichnend: In Schwerin schließen Läden — von der Parteibuchkneipe bis zum Supermarkt im Plattenbau-Kiez — mit einer Regelmäßigkeit, die an den öffentlichen Personennahverkehr erinnert. Während sich Investoren über die Wasserqualität des Schweriner Sees streiten, geht in der Burgseegalerie einfach das Licht aus. Schweriner Partykids werden die Stelle jetzt nicht besingen wie die Band „Kellerasseln“ einst den Plattenladen an der Ecke. Sie werden einfach weniger werden. Und Schwerin wird ein kleines bisschen stiller, als es je sein wollte.
Foto: junjie xu / Pexels
Quelle: Ostsee-Zeitung
Schwerin ist Geil auf WhatsApp
Tägliche Satire-News direkt aufs Handy. Kein Spam, nur Geilheit.
Jetzt Kanal abonnierenKostenlos · Kein Gruppenchat · Jederzeit abbestellbar
